Was die Sowjetunion erwartet – ein Stimmungsbericht aus Moskau und dem Baltikum

Von Marion Gräfin Dönhoff

Moskau, im Mai

Es war eine hervorragende Idee des Berliner Aspen Instituts, gerade in diesem Moment der aufregenden Entwicklung im Osten eine gutorganisierte Reise mit der Shepard Stone Study Group on East-West Relations nach Moskau, Riga und Wilna zu unternehmen. Bei dieser Gruppe handelt es sich um etwa zwei Dutzend "vielversprechender" Leute über dreißig; dazu gehörten beispielsweise die stellvertretende Chefredakteurin der Londoner Times, ein Berater von Präsident Bush, der Staatssekretär im sächsischen Finanzministerium, eine höhere Charge aus Mitterrands Präsidialamt, dazu einige Russen und Osteuropäer aus Wissenschaft und Diplomatie.

Besonders reizvoll war der Anfang der Reise in Moskau, weil die Gruppe dort, wohl aus finanziellen Gründen, nicht im Hotel untergebracht war, sondern vor den Toren Moskaus im Sanatorium der Akademie der Wissenschaften, einem Schloß aus dem 18. Jahrhundert, das früher dem Fürsten Trubetzkoj gehört hatte: lange, helle Gänge, geschmückt mit viel Grün, Zimmerpalmen und Farnkräuter, an den Wänden immer neue Seestücke. Es war, als sei man plötzlich in eine Aufführung von Tschechows "Sommergästen" versetzt oder erlebe Tolstojs "Krieg und Frieden" im Film.

Am interessantesten alles, was auf die baltischen Staaten vorbereitete. Da war der Vertreter Lettlands, Nikolaj Neiland, der im Obersten Sowjet sitzt, politisch moderat, gelassen, ein typischer Vertreter jener polyglotten, ethnisch gemischten Gesellschaft der Vorkriegszeit; damals waren in Riga zehn Prozent der Einwohner Russen, zehn Prozent Deutsche und zehn Prozent Juden. Neiland erscheint verhältnismäßig optimistisch: "Während Gorbatschow noch vor zwei Jahren sich weigerte, über Unabhängigkeit überhaupt zu reden, hat er mir am Montag gesagt: Ja, warum nicht, wenn ihr das wollt, aber es muß formgerecht vor sich gehen.’"

Die optimistische Gelassenheit kontrastiert mit den Vorstellungen, die man aus Berichten gewonnen hat. "In den nächsten sechs Monaten", sagt Neiland, "wird der Lebensstandard weiter heruntergehen. Es wird Streiks geben und Demonstrationen, aber keine große Revolution – die riesigen Entfernungen verhindern simultanen Aufruhr."