Immer noch wandern Ostdeutsche in die alte Bundesrepublik ab

Von Christian Wernicke

Berlin, im Mai

Manchmal verliert Steffen Günther im Gespräch die Orientierung. Dann spricht er zwar von „hier“, von seinem neuen Alltag als Installateur in Würselen, diesem verschlafenen Städtchen nördlich von Aachen. Aber wenn der 21jährige Leipziger über seine Kollegen oder über die Mädchen im westlichsten Westdeutschland nachdenkt, dann bedauert er, daß „die Menschen drüben so anders, so viel kühler“ seien. Hier und dort, hüben und drüben – das kann eben leicht durcheinander geraten, wenn Steffen und seine beiden alten Freunde Mike und Volker von „dem Leben hier drüben“ erzählen.

Die drei Sachsen beklagen sich nicht. Sie haben Arbeit, verdienen gutes Geld. Da stört es sie nicht sonderlich, daß sie in einer Zweizimmerwohnung jede Nacht zu dritt in einem Schlafzimmer kampieren müssen. Zu Hause bei den Eltern in Grünau, dieser tristen Leipziger Trabantenstadt, hatten sie es nicht mehr ausgehalten: Wer von den alten Schulkameraden dageblieben sei, „der ist da jetzt arbeitslos“. Und andererseits wissen sie: „Wer von uns allein gegangen ist, der hat Probleme.“ So schlagen sie sich gemeinsam durch, ein Installateur, ein Maurer, ein Schlosser – deutsche Fremdarbeiter in Deutschland. Steffen und Volker zogen vor einem Jahr noch der D-Mark entgegen, Mike bezahlte seine Bahnfahrkarte ins Rheinland im September schon mit Westgeld. „Aber“, so bilanziert Volker lakonisch, „das macht eigentlich keinen Unterschied. Alle, die später loszogen, haben nur genauer mitgekriegt, wie sie betrogen worden sind.“

Dieser „Betrug“, er war wenigstens zum Teil auch ein Selbstbetrug. Schließlich wurde der Niedergang der ostdeutschen Kommandowirtschaft beschleunigt durch jene Abstimmung mit den Füßen, die im Frühjahr 1990 täglich bis zu tausend Menschen die innerdeutsche Wohlstandsgrenze von Ost nach West passieren ließ. „Wenn die D-Mark kommt, dann bleiben wir, wenn sie nicht kommt, geh’n wir zu ihr“, reimte damals ein Leipziger Plakatträger auf der triumphalen Wahlkundgebung mit Helmut Kohl. Was politisch unvermeidlich war – die schnelle Währungsunion –, widersprach jedoch der wirtschaftspolitischen Vernunft. Die ostdeutschen Betriebe gingen noch schneller in die Knie, schickten noch mehr Arbeitslose auf die Straße – und auf den Weg nach Westen. Die D-Mark-Marschierer, seinerzeit eine bestimmende politische Kraft, verwandelten sich zu Arbeitsemigranten, die nun nur noch ein Objekt anonymer Marktkräfte zu sein scheinen.

Wie viele Menschen derzeit wohl umziehen? So genau weiß das niemand. Die Politik verzichtet da ganz aufs Zählen. Sie hat das Problem erst einmal wegdefiniert: Seit dem 1. Juli 1990 gibt es, laut Gesetz, keine Übersiedler mehr. Damals wurde nicht nur die Mark der DDR, sondern auch das zuletzt höchst umstrittene Aufnahmeverfahren für DDR-Bürger abgeschafft. Und seit dem 3. Oktober, so erklärt der Sprecher des Bundesinnenministeriums knapp, interessiert sich Bonn „im Prinzip“ nicht für „die Fortzüge aus dem Beitrittsgebiet“. Das, bitte schön, sei jetzt „Ländersache“.