Eine hohe Dunkelziffer

Die Regierungszentrale erklärt sich auch deshalb für unzuständig, weil die Zahl der Übersiedler als ein Indikator für Hoffnung und Aufschwung im Osten gilt, weil im Zweifelsfall hohe Auswandererziffern nur neue Forderungen nach höheren Krisenhilfen begründen könnten. Immerhin wird derzeit als Trendaussage allgemein anerkannt, daß weniger Ostdeutsche ihre Koffer packen als vor einem Jahr.

In der zweiten Hälfte 1990, also nach der Währungsunion, zogen laut letzter offizieller Bonner Zählung rund 111 000 ehemalige DDR-Bürger in den Westen. Doch diese Rechnung aus den ersten Märztagen mußte längst um mehr als 30 000 Personen korrigiert werden – nach oben, versteht sich. Insgesamt wanderten 1990 über 330 000 Ostdeutsche "aus", um "drüben" ihr Glück zu machen. Das Statistische Bundesamt addierte mit Hilfe des Zentralen Einwohnerregisters in Berlin für Januar und Februar diesen Jahres nochmals 13 500 beziehungsweise 8821 "Fortzüge" – "vorläufig und unter Vorbehalt". Ein dauerhafter Rückgang? "Wir wagen keine Prognose, dafür haben wir keinerlei Anhaltspunkte", heißt es.

Andere riskieren da mehr. Allein aus Sachsen, so schätzen Dresdener Politiker, laufen monatlich 10 000 Menschen davon. Die Landesregierung in Sachsen-Anhalt schreibt pro Monat etwa 5000 ihrer Bürger ab. Das wären zusammen schon 15 000 – ohne daß auch nur ein Brandenburger, Thüringer, Mecklenburger oder Vorpommer mitgezählt worden wäre. Bonn, so lautet zum Beispiel der Vorwurf aus dem Magdeburger Rathaus, wolle mit kleinen Zahlen das Problem herunterspielen, ignoriere bewußt die hohe Dunkelziffer jener Übersiedler, die sich einfach nicht abmelden oder ihre billige Ostwohnung untervermieten.

In der Heimat von Steffen, Volker und Mike, in Leipzig, wird der tägliche Exodus auf etwa 50 Bürger taxiert. Hochgerechnet auf die fünf neuen Länder würde das einen Jahresverlust von bald 600 000 Menschen ergeben. Das Wort vom "Ausbluten" macht die Runde. Doch das ist Schwarzmalerei. Schließlich lehrt die Beobachtung, daß der innerdeutsche Strom mehr Städter als Dorfbewohner mitreißt; zudem sind die Sachsen offenbar mobiler als die anderen ostdeutschen Stämme.

Seriöse Quellen wie das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung prognostizieren für das Jahr eins nach der Vereinigung eine Binnenwanderung von 180 000 Menschen, also 15 000 im Monat. Daß es nicht mehr sein werden, führen die Ökonomen vor allem auf die westdeutsche Wohnungsnot zurück. Deshalb werde sich eher die Zahl der Pendler erhöhen, auf nahezu 300 000 Ostler im Jahresdurchschnitt. Dazu zählen schon heute jene Männer und Frauen aus Gera, die in Bussen jede Nacht zur Frühschicht nach Fürth gekarrt werden, oder jene über 50 000 Brandenburger, die seit der Maueröffnung inzwischen wieder in Berlin (West) arbeiten können. Alte Bande werden da erneuert – vor dem 13. August 1961 hatte die Hauptstadt zuletzt 60 000 "Gastarbeiter" aus der DDR mit harter D-Mark entlohnt.

Zum Teil wächst hier nur wieder zusammen, was zusammen gehörte. Nüchtern vermag der Wuppertaler Soziologe Volker Ronge, der sich seit Mitte der achtziger Jahre mit Übersiedlern beschäftigt, inzwischen denn auch nur noch "eine ganz normale Binnenwanderung" zu erkennen. Früher, in Zeiten von Mauer und Stacheldraht, da habe vor allem eine leistungsorientierte DDR-Elite nach "beruflicher Selbstverwirklichung" gestrebt und dafür die Repressalien und Strapazen auf sich genommen, die ein Ausreiseantrag regelmäßig nach sich zog: "Heute jedoch kommt einfach ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung, wenn man davon absehe, daß Emigranten stets besonders durchsetzungsfähig seien."