Zum Verständnis: die Jury des Alfred-Kerr-Preises einigt sich jeweils im Frühjahr, worauf sie in den kommenden zwölf Monaten ihr Augenmerk richten will. Also etwa: literarische Zeitschriften oder Sonderbeilagen oder Literatur im Fernsehen. Im Frühjahr 1990 hat sie beschlossen, die Literaturkritik in den Tageszeitungen der damals noch bestehenden DDR zu beobachten. Der Tag des Anschlusses stand zu diesem Zeitpunkt so wenig fest wie die Absicht, die Hauptversammlung des Börsenvereins in Leipzig abzuhalten.

Als die Jury im Januar 1991 ihre Arbeit aufnahm, waren die zu würdigenden Zeitungen im staatsrechtlichen Sinne keine DDR-Zeitungen mehr, und keineswegs alle waren noch im Besitz ihrer alten Eigner. Das ging die Jury nichts an, aber sie konnte auch nicht so tun, als handle es sich um Zeitungen aus den alten Bundesländern, da sie so oder so alle miteinander noch von den Spuren der DDR-Vergangenheit gezeichnet sind. Sie konnten, nach fünfundvierzig Jahren, nicht über Nacht etwas erfinden, was es bei ihnen nicht gegeben hatte: einen freien Umgang mit Literatur, der den Namen Kritik verdient hätte.

Der Eindruck, den die Jury gewonnen hat, war etwa der folgende: Die wenigsten Tageszeitungen interessieren sich überhaupt für Literatur im weitesten Sinne, und wo sie es doch tun, wirken ihre Versuche äußerst hilflos, oft von dem einen Gedanken bestimmt, möglichst schnell anzubeten, was sie gerade noch verbrannt hatten. Das kann keinen wundern. Unter diesen Umständen gab es die eine Möglichkeit, den Preis gar nicht zu vergeben, mit der Folge, daß die Leute in der sogenannten ehemaligen DDR nicht ganz zu Unrecht befunden hätten, die Leute in Frankfurt seien wieder einmal von ihren Standards ausgegangen und hätten keine Ahnung von den Schwierigkeiten in den real existierenden neuen Bundesländern. Die andere Möglichkeit war, trotz aller bestehenden Mängel, einen Versuch zur Ermutigung zu unternehmen und wenigstens die auszuzeichnen, die sich vorteilhaft von der Menge der anderen unterschieden. Die Wahl fiel auf die Neue Zeit für ihre umfangreichen Literaturseiten und auf das Neue Deutschland für seine Sachbuchkritik. Wie auch sonst immer wurde der Preis nicht den Zeitungen als solchen, sondern den jeweils zuständigen Redaktionen zugesprochen. Damit hatte die Jury ihre Arbeit getan, und es wäre nun an der Vorsteherin des Börsenvereins gewesen, den Preis auf der anstehenden Hauptversammlung zu überreichen.

Das hat die Vorsteherin nicht getan, da sie durch Resolutionen der Fachgruppen unter Druck gesetzt wurde. Sie hat, von aller Zivilcourage verlassen, einerseits erklärt, daß die Entscheidung der unabhängigen Jury respektiert würde, anderseits aber befunden, die Jury könne diesmal ja den Preis selbst übergeben. Ein fadenscheiniger Versuch, einen Pelz zu waschen, ohne sich und den Träger naß zu machen. Oder ein Skandal.

An diesem Skandal ist vor allem interessant, daß sich alle Emotionen auf das Neue Deutschland konzentrierten, an der Neuen Zeit aber niemand etwas auszusetzen fand, ganz so als wären nicht die Redaktionen ausgezeichnet worden, sondern im einen Falle die Gegenwart der durch das Geld der FAZ offensichtlich „ehrlich“ gemachten Neuen Zeit, im andern Falle die Vergangenheit des Neuen Deutschland. Es verbirgt sich dahinter nichts anderes als der herrschende Trend, ein paar Sündenböcke zu finden, um den großen Rest um so ungehinderter exkulpieren zu können – nach dem Muster von 1945. Nur, die Vergangenheit der Neuen Zeit ist um kein Haar respektabler als die Vergangenheit des Neuen Deutschland, und nicht mit ihr hat der Preis zu tun, sondern mit dem, was beide jetzt tun.

Jetzt, das heißt: mit den Chancen einer freiheitlichen Demokratie, Chancen, die alle haben müssen, die einen zum erstenmal seit achtundfünfzig Jahren. Im Börsenverein aber scheint es eine Mehrheit zu geben, die auf hohem Rosse sitzt und agiert, als hätten die Bewohner der DDR sich ihr Schicksal selbst ausgesucht, als wäre es ihnen nicht von einer deutschen Mehrheit eingebrockt worden, deren Anhängern es in der Bundesrepublik nicht sonderlich schlecht ergangen ist. Gepanzert mit der Gnadenlosigkeit der späten Geburt, meint sie zu wissen, wie andere sich unter den Bedingungen einer implantierten Diktatur hätten verhalten sollen, und erweist sich selbst als unfähig, den billigen Mut aufzubringen, eine ihr unbequeme Entscheidung zu honorieren.

Man darf fragen, ob ausgerechnet der Börsenverein die rechte Instanz ist, Richter zu sein über Schuldige und Unschuldige, Gerechte und Ungerechte.