Er sagt, es gebe nur ganz wenige Themen in der Kunst. Und zu ihnen gehöre der Tod. Und der Tod, sagt er, sei vielleicht, was wirklich zähle. Wenn Christian Boltanski „Tod“ sagt, sagt er „Tod“ so leicht, wie er „Leben“ nicht leichter sagen könnte. Ganz leicht scheint sie gefügt und durchsichtig, die Todesfuge, die der Künstler in seiner Hamburger Ausstellung anstimmt. Ein Umschluß von Räumen und Kabinetten, wo sich keine dramatischen Lebensverluste ereignen. Es wird nicht gestorben in dieser Weise vom Tod. Also wird auch nicht gelitten. Tod ist. Tod ist immer, mitten im Leben. Und der Tod ist ein Meister aus nowhere Und, und seine Opfer sind stumm und fragen nicht nach ihren Tätern. Ein Epitaph zum Beispiel für die jüdischen „Kinder aus Dijon“ und ihr Schicksal im Todeslager. Ernste, fröhliche, stumpfe, offene Kindergesichter in Rahmen, in denen sie wie eingeschweißt aussehen: Lämpchen dazwischen und Kabel wie Trauerflor und ein Kryptalicht, das sachlich genug strahlt, um keine Kerzenstimmung aufkommen zu lassen. Oder „die toten Schweizer“ und ihre ganz gewöhnlichen, ganz und gar nicht geschichtsnotorischen Tode. Ihre Photoportraits sind – Todesanzeigen in Schweizer Zeitungen entnommen, wo die kleinen Paßbilder den Skandal des angezeigten Todes erträglicher machen wollen. Jetzt kleben sie an der Stirnwand von Blechschachteln wie Etiketten an Archivbehältern. Ali bleigrauen, mattglänzenden Büchsen, aus denen Boltanski eine ganze Grabkammer gemauert hat. Es ist Platz dort nur für ein paar Schritte, und das Licht aus dem Lampengewölbe fällt nicht tief, und im Halbdunkel bleibt alles verschlossen. Wer sie waren, wie sie hießen, wie sie starben, wir erfahren nichts. Wir blicken nur, wenn sich die Augen im Schattenreich zurechtgefunden haben, in lauter lebensvolle, unverwechselbare Gesichter. In Gesichter, die sich zusammen wie eine stumme Protestgalerie ausnehmen gegen die Friedhofsruhe, die sie bannt.

Wenn Christian Boltanski „Tod“ sagt, dann klingt es auch wie „Einspruch“, dann argumentiert er mit dem Erinnern gegen das Vergessen. Und das bleibt dauerhaft irritierend, wie da ein paar armselige, völlig anspruchslose Automatenphotos oder ein Haufen abgelegter Kleider große Plädoyers für das Andenken inszenieren. Und wie die behutsame ästhetische Regie das Pathos nicht scheut und doch allen Nachdruck schwerelos gewinnt. (Hamburger Kunsthalle bis zum 9. Juni; Katalog 38 Mark) Hans-Joachim Müller