Von Helga Hirsch

Die Absetzung des populären slowakischen Ministerpräsidenten Vladimir Mečiar am 23. April trieb in Bratislava mehr Menschen auf die Straße als die "samtene Revolution" gegen die Kommunisten anderthalb Jahre zuvor. Zwar haben die Slowaken nach über 45 Jahren endlich wieder eine frei gewählte Regierung, aber ohne Mečiar, den beliebtesten Politiker der Republik, fühlt sich die Mehrheit nur noch begrenzt repräsentiert.

Absperrgitter sollten die Volksvertreter vor dem Volkszorn schützen, aber die Polizisten konnten Handgreiflichkeiten gegen besonders unbeliebt gewordene Abgeordnete nicht verhindern. "Die Straße", im November 1989 noch als "Stimme des Volkes" idealisiert, erschien manchem Politiker nun als wildgewordener Pöbel, der die junge und noch instabile Demokratie gefährdet.

Die Regierungskrise von Bratislava verdeutlicht die Anfälligkeit der mitteleuropäischen Demokratien: Solange die neuen Parteien keine Konturen zeigen, orientiert sich der Bürger lieber an herausragenden Persönlichkeiten. Werden jenen dann Zügel angelegt, weil ihre Eigenwilligkeit die parlamentarischen Regeln verletzt, fühlt sich der Wähler enttäuscht und betrogen; ein Führer, der den Dialog mit den Massen sucht, erweckt größeres Vertrauen als farblose und unsichtbare Abgeordnete im parlamentarischen Gremiendschungel. Die bisher schwerste Krise in der slowakischen Republik ist denn auch mehr von Fragen des Führungsstils und von persönlicher Konkurrenz als von ideologischen oder parteipolitischen Differenzen geprägt.

Vladimir Mećiar, ein noch junger Politiker von Mitte Vierzig, wurde erst nach der Revolution populär, zunächst als Innenminister, später als Ministerpräsident. Er zählte nicht zu den bekannten Dissidenten, die heute noch die Gruppe Öffentlichkeit gegen Gewalt (VPN) und die Christlich-Demokratischen Bewegung (KDH) anführen und das Regierungsbündnis schmiedeten. Mečiar gilt als Aufsteiger, obwohl er sich seit langem politisch engagiert. Nach einer aufmüpfigen öffentlichen Rede war er 1970 aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen worden und hatte einige Jahre am Hochofen arbeiten müssen, bevor er ein Jurastudium absolvieren konnte, um anschließend als Jurist wieder in den Betrieb zurückzukehren.

Mečiar hat sich die einfache Sprache aus seinen Arbeitertagen bewahrt, die Schlagfertigkeit und jenen Witz, der den politischen Kern oftmals besser trifft als langatmige, hochtrabende Ausführungen. Seine Spontaneität, sein draufgängerisches, ungehobeltes Auftreten sind für die Anhänger Beweise seiner Unverstelltheit. Seine Widersacher werfen ihm hingegen demagogisches, undemokratisches Verhalten vor.

Mečiar betrieb seine Politik im Alleingang. Er hielt Konsultationen im Kabinett für überflüssig und versuchte bisweilen, seinen Willen durch Erpressungen durchzusetzen: Einmal sollte der Innenminister zurücktreten, später sollten sogar fünf Kabinettsmitglieder ihren Hut nehmen. Schließlich hielt das Parlamentspräsidium die Situation für untragbar und wählte den Regierungschef und sieben weitere Minister mit dreizehn Ja- und sechs Neinstimmen ab. Mečiar, der nicht einmal Gelegenheit zur Rechtfertigung vor dem Parlament erhielt, mußte vorübergehend von der politischen Bühne gehen. Nach all der Aufregung macht ihm eine Herzschwäche zu schaffen.