Die Gewinne der Banken schrumpfen

Von Ludwig Siegele

Der Bankier liebt die Provokation, aber auch die Diskretion. „Die französischen Geldhäuser haben eine ausgeprägte Neigung zum Selbstmord“, sagt er, die Füße auf dem Schreibtisch und den Finger auf der Pausentaste des Aufnahmegeräts. „Wenn die Stahlindustrie stirbt, dann stört das ökonomisch wenig. Doch wenn sich die Finanzbranche auslöscht, ist das katastrophal.“

Soweit ist es wohl noch nicht. Aber der Bankier ist nicht irgendwer. Und er steht mit seinen Befürchtungen nicht alleine: Frankreichs Finanzexperten sorgen sich zunehmend um ihre Geldhäuser. Denn während die deutschen Großbanken mit hohen Profiten glänzen, melden ihre französischen Konkurrenten Gewinnrückgänge auf breiter Front.

Die Bilanzen der drei Traditionsbanken sind typisch für die ganze Branche: 1990 überwiegen die Minuszeichen. Bei der Société Generale ging das Nettoergebnis um ein Viertel zurück, bei der Banque Nationale de Paris (3NP) sogar um die Hälfte. Nur die Crédit Lyonnais verdiente mehr als im Vorjahr, vor allem wegen guter Ergebnisse ihrer Filialen.

Die schlappe französische Konjunktur ist sicher ein Grund für die schlechten Zahlen: Die Wertberichtigungen explodierten; allein die Nummer eins, die Credit Agricole, legte rund 25 Prozent mehr für gefährdete Kredite beiseite als im Vorjahr. „Die Bedingungen waren für die Banken 1990 äußerst ungünstig“, beklagt sich René Thomas, Präsident der BNP.

Aber die wahre Ursache liegt woanders – und muß den leidgeprüften deutschen Bankkunden überraschen: Wilde Konkurrenz läßt die Margen schmelzen. „Hier herrscht eine regelrechte Manie der Marktanteile“, meint Olivier Pastré, Vizedirektor der kleinen, aber feinen GP-Banque und Autor einer vielbeachteten Studie über das französische Finanzsystem.