Von Richard Schröder

Richard Schröder lehrt als Theologe Philosophie und war in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR Fraktionsvorsitzender der SPD

Soll Bonn Regierungssitz bleiben, oder soll Berlin es werden? Die Frage ist neu, kaum ein Jahr alt. Denn zuvor war klar: Die Hauptstadt Deutschlands war Berlin, und wenn Deutschland wieder existiert, wird Berlin wieder Hauptstadt sein. So ist es im Westen oft genug feierlich verkündet worden. Im Ausland sieht man das bis heute so, weil man es in der Schule so gelernt hat.

Nur weil Berlin die Hauptstadt war, haben sich die Alliierten je einen Sektor der Stadt reserviert und die Westalliierten ihre Rechte in der geteilten Stadt so beharrlich behauptet. Und weil die DDR das neue und wahre Deutschland sein wollte, hat sie den Hauptstadtanspruch beerben wollen und aus Berlin zwei Städte gemacht, nämlich "Westberlin" und "Berlin, Hauptstadt der DDR", wie auf jedem Wegweiser stand, damit wir uns dran gewöhnen. Nun heißt es: Hauptstadt mag Berlin ja sein, und damit man es merkt, schicken wir den Bundespräsidenten hin, aber Parlament und Regierung, die bleiben in Bonn. Denn Hauptstadt und Regierungssitz, das ist doch zweierlei. Vor Tisch las man es anders. Wehe, es hätte seinerzeit einer die feierliche Erklärung "Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands" mit dem Zusatz versehen: "aber Parlament und Regierung bleiben ewig in Bonn". Entsetzensschreie hätte er ausgelöst.

Prüfen wir also die Argumente für Bonn, denn die Beweispflicht hat immer derjenige, der vom bisherigen Konsens abweicht. Sonst würden wir ja nie fertig mit dem Prüfen.

"Bonn ist unbelastet von den dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte, Berlin dagegen erinnert an den preußischen Militarismus, an die Großmachtpolitik des Kaiserreichs und an das Dritte Reich." Berlin ist allerdings voller Erinnerungen. Es erinnert aber auch an das Preußen des Allgemeinen preußischen Landrechts, der Stein-Hardenbergschen Reformen und an die Brüder Humboldt. Es erinnert an den 18. März 1848, den 20. Juli 1944, den 17. Juni 1953, den 13. August 1961 und den 9. November 1989. In der Nazizeit war Berlin nicht die "Hauptstadt der Bewegung", dieser gefährliche Ort muß irgendwo anders in Deutschland gelegen haben.

In Berlin ist die deutsche Geschichte mit Licht und Schatten unübersehbar präsent. In Bonn kann man sie leichter vergessen, von Beethoven und den kurfürstlichen Erzbischöfen abgesehen. Bonn ist so lieblich idyllisch, daß dort die neue rauhe ostdeutsche Wirklichkeit noch gar nicht ganz angekommen zu sein scheint. Bloß: Vogel-Strauß-Politiker können wir jetzt und in Zukunft nicht gebrauchen.