Von Nina Grunenberg

München, im Mai

Deutschland ist wiedervereinigt; aber wer glaubte, daß sich damit ein Herzensanliegen der bayerischen Patrioten erfüllt habe und ihr Jubel ohne Grenzen sei, sieht sich getäuscht. Ihre Furchtsamkeit angesichts der Folgen des Ereignisses ist größer als ihre Vaterlandsliebe. Das vage Gefühl, auf die Entwicklung reagieren zu müssen, aber nicht zu wissen wie, hat die CSU-Führungsmannschaft in den letzten Wochen und Monaten schier überwältigt. Mit ihrer Gelassenheit war es nicht mehr weit her: Hilf, Franz Josef, hilf!

Er fehlt. Vierzig Jahre lang lebte die CSU mit Franz Josef Strauß, von ihm und aus ihm. Die Frage, ob sie nach seinem Tode noch zu einem eigenständigen Dasein imstande sein würde, blieb offen: Die CSU lebte auf Bewährung. Zweifel weckte nicht ihre Leistungsfähigkeit als autonome Landespartei Bayerns – das Wahlergebnis von 54,9 Prozent bei der Landtagswahl im Oktober 1990 hatte Straußsches Format. Unsicherheiten barg der andere Teil ihrer anspruchsvollen Doppelrolle: als bayerische Bundespartei in der Allianz mit der CDU. Erst dieser Part verschaffte ihr den institutionellen Handlungsspielraum, der zum Erfolg der CSU gehört und ihre Durchschlagskraft erklärt.

Dem Unbehagen, das seit der deutschen Einheit in der CSU gärt, mangelte lange Zeit die analytische Schärfe. Was die CSU-Strategen sagten, verriet meist mehr über ihre Wünsche als über ihre Möglichkeiten. Nur eines war klar: Je weniger sie zu sagen hatten, desto mehr wollten sie geliebt werden.

Alte CSU-Fans schauten schamrot beiseite, als sie erlebten, daß sowohl Theo Waigel, der Bundesfinanzminister und CSU-Chef, wie auch Max Streibl, der bayerische Ministerpräsident, als Nachricht an die Presse gaben, wenn sie bei Helmut Kohl waren, um sich über schlechte Behandlung zu beschweren. Früher hätte ein solcher Vorfall zu schlagzeilenträchtigen Konsequenzen geführt. Heute wird er vom Bundeskanzler nur noch ungerührt zur Kenntnis und zu den Akten genommen. Tempora mutantur.

Weil der Bundeskanzler nicht einsah, daß er die Freunde von der CSU „täglich an die Brust drücken“ mußte, um sie bei Laune zu halten, und sich auch nach der Wahlkatastrophe in Rheinland-Pfalz nicht so benahm, als müßte er bei ihnen Zuflucht suchen, fühlte sich Max Streibl in einer CSU-Vorstandssitzung in München schließlich zu dem starken Wort gedrängt: „Was wir jetzt sagen müssen: Es geht in Bonn auch ohne uns.“ Hinterher war ihm das angeblich nur herausgerutscht, weil – wie es auf altbaierisch so schön heißt – „das Jammern ja doch nichts bedeutet“. In einer telephonischen Aussprache versicherte Streibl dem Kanzler versöhnlich, er stehe hinter ihm. Seine Kraftmeierei gab aber durchaus die Stimmung im Münchner Kabinett wieder. Daß sie nicht viel Sinn ergibt, steht auf einem anderen Blatt. Ganz ohne die 51 Mitglieder der CSU-Landesgruppe im Bundestag haben CDU (268 Sitze) und FDP (79) noch immer eine rechnerische Mehrheit von 32 Mandaten. Sie erklärt des Kanzlers Ruhe.