Von Peter Reichel

Vor fünfzehn Jahren veröffentlichte der New Yorker Soziologe und Kulturhistoriker Richard Sennett sein inzwischen vielerorts gerühmtes Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“. Er vertrat darin die These, daß durch die in den letzten 200 Jahren weit fortgeschrittene Psychologisierung unseres Denkens und unserer Vorstellung von Gesellschaft und Politik das empfindliche Gleichgewicht von Privatsphäre und Öffentlichkeit nachhaltig gestört worden sei, ja daß sich in unserem narzißtischen Zeitalter mit seiner ausufernden Privatheit eine „Tyrannei der Intimität“ etabliert habe.

Am Schluß dieses Buches verweist Sennett auf zwei schwerwiegende Folgen der Aushöhlung und Verdrängung der öffentlichen durch die private Sphäre. Zum einen sei uns das angemessene Verhalten im Umgang mit Macht und Herrschaft abhanden gekommen. Politik würde mehr und mehr nicht auf Interessen, Klassen und Konflikte bezogen, sondern auf Personen. Deren privat-unpolitisches, populistisches Profil sei in den Medien gefragt, nicht oder viel weniger dagegen deren politische Programme und Handlungen. Zum anderen sei uns der Blick verstellt für den architektonischen Raum, in dem sich unser öffentliches Leben abspielt.

An diese ästhetische Dimension knüpft Sennett nun in seinem neuen Buch an. Wieder geht es ihm um das Spannungsverhältnis von „innerer und äußerer Erfahrung“, von „Innerlichkeit und Außenwelt“. Wieder ist das Thema Differenzierung und Verfall der Stadtkultur. War aber das Buch über den Verlust der Öffentlichkeit aus ideengeschichtlicher und gesellschaftskritischer Blickrichtung geschrieben, so geht es hier um die ästhetische, architekturgeschichtliche und sozialpsychologische Dimension des Problems.

Sennett beschreibt die Entwicklung der europäischen und nordamerikanischen Städte und den Aufstieg und die Ausbreitung der abendländischchristlichen Kultur als die Geschichte eines spezifischen Verlustes. Des Verlustes, die „Stadt als Schauplatz des Lebens“ einzurichten, mit offenen, das heißt eben auch: dem Auge zugänglichen Erfahrungsräumen für politische, ökonomische, religiöse und erotische Bedürfnisse.

Die Verödung und Trivialisierung unserer Städte mit ihren Supermärkten und Parkplätzen, ihrer unendlichen Straßengeometrie und ihren grenzenlos glatten und glänzenden Glas-Chrom-Wänden hat eine lange Vorgeschichte. Sie begann, so Sennett pointiert, als mit der Verbreitung der christlichen Glaubenslehre das „Gewissen des Auges“ eingeführt wurde. Glaubenserleuchtung und Glaubens-, das heißt auch Lebenssicherheit gewannen die Menschen demnach nicht in der blendenden und zugleich schattenhaft trügerischen Mannigfaltigkeit der empirischen Welt, sondern allein durch gläubige Unterwerfung und Innenschau, im Dasein eines Gotteskindes.

Daraus ging die Unterscheidung von säkularem und sakralem Raum hervor. Während die Kirche mit Bedacht im Zentrum plaziert, mit großer Sorgfalt gebaut, Zuflucht und Schutz gewährte, blieb das Außen ein Bereich der Vielfalt und des Chaos, ein Raum „säkularer Gleichgültigkeit“. Dieser christliche Dualismus von Innenwelt und Außenwelt war im Laufe der Jahrhunderte so wirkungsmächtig, daß er schließlich auch die profane Welt prägte. War das Haus anfangs (und lange für die nichtprivilegierten Klassen) bloß ein „überdachter Teil der äußeren Welt“, so wurde es später – wie es in einer Bekenntnisschrift der viktorianischen Ära hieß – selbst „ein geheiligter Ort“, ein „Ort des Friedens“, der Zuflucht bot vor den „Ängsten des äußeren Lebens“. Ein Ort nun seinerseits mit öffentlicher und privater Sphäre, Gesellschaftsräumen hier, Schlaf-, Kinder- und Badezimmern dort. Der Rückzug in häusliche Schutzzonen, die emigration Interieure mochte unterschiedlichen Motiven entspringen, Angst und Abscheu bei den Aristokraten, Anteilnahme und sozialpolitischem Reformeifer für eine bessere Gesellschaft bei den Frühsozialisten: Langfristig waren zwei fatale Folgen unvermeidlich. Unter den Bedingungen fortschreitender Industrialisierung, Arbeitsteilung und Verelendung verschärften sich die „isolierenden Trennungen und Ungleichheiten zwischen den Menschen“.