Von Brigitte Jakobeit

Mrs. Jella Lepman weint nicht. Mit einunddreißig verliert sie ihren Mann, den Deutschamerikaner Gustav Horace Lepman, der seinen Verletzungen aus dem Ersten Weltkrieg erliegt. Sie arbeitet als Redakteurin für das Stuttgarter Neue Tagesblatt, schreibt nebenbei Kinderbücher und hat zwei eigene Kinder zu versorgen. Mit ihnen muß die Tochter des jüdischen Kaufmanns Josef Lehmann Jahre später emigrieren, über Florenz nach London. Die Journalistin hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, findet Arbeit in der Redaktion von ABSIE, dem amerikanischen Sender in London, und wird in die US-Botschaft versetzt.

Wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht ein amerikanischer Oberst vor ihr und fragt, ob sie im Rahmen des re-education-Programms in jenes Land zurückkehren möchte, über das sie am liebsten schweigt. Sie schluckt ihre Erinnerung hinunter, denn Männer, das weiß sie, "schätzen in Schluchzen ausbrechende Frauen wenig. Tränen sind keine Waffen, gegen die sie zu fechten gewohnt sind." Sie bittet um Bedenkzeit und sagt zwei Wochen später zu.

Denn Mrs. Lepman, und auf diesem Mrs. besteht die Schwäbin im Nachkriegsdeutschland, wird zur Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek (IJB), einem Institut von Weltrang, einzigartig in seinem Bücherbestand – das seit 1983 dahindämmert in der Obermenzinger Blutenburg, einem ehemaligen Jagdschloß im Münchner Westen, am Rande der Stadt. Bei schönem Wetter umrunden Hundebesitzer das stattliche Wasserschloß mit den vier Türmen, im Frühling und Sommer schätzen Heiratswillige das romantische Ambiente und die spätgotische Kapelle – und böse Zungen reden zu jeder Jahreszeit von der "CSU-Burg". Der Bibliotheksbetrieb findet trotzdem statt, ein wenig verschlafen und betulich, wie es einem Schloß gut ansteht, einer internationalen Bibliothek aber Hohn spricht.

Jella Lepman schätzt weder Uniformen noch Komitees, noch Bürokratie. Als sie im Oktober 1945 auf dem amerikanischen Militärflughafen in Frankfurt landet, trägt sie das Olivgrün der Armee. Ein weiblicher Major – von General McLure beauftragt, als "Beraterin für die kulturellen und erzieherischen Belange der Frauen und Kinder in der amerikanischen Besatzungszone" tätig zu werden –, steckt sie bereits inmitten einer Bürokratie, die auch Komiteebildungen unumgänglich macht. Doch Mrs. Lepman bahnt sich entschieden ihren Weg durch die Trümmerstädte Deutschlands – und an jeder Station ist ihr Jeep von hungernden und bettelnden Kriegskindern umringt. So endet die Orientierungsreise bei ihrer großen Idee, eine Ausstellung von internationalen Kinder- und Jugendbüchern zu organisieren, eben dort anzusetzen, wo die Hoffnung am wenigsten vergeblich ist, bei den Kindern. An diesem Plan hält Jella Lepman fest, der sie ganz eigene Methoden entwickeln läßt, bürokratische Wege zu umgehen, Zweifler und Gegner zu überzeugen und dabei doch die Balance zwischen Neubeginn und Erinnerung zu bewahren. "Trotzdem konnte ich die Millionen von Kindern nicht vergessen, die nur noch als kleine Schattengestalten hinter diesen standen ... Waren sie nicht geschunden, gequält, dem Hunger preisgegeben worden, um zuletzt in den Gaskammern zu enden? Selbst diese Trümmerkinder waren ihnen gegenüber beneidenswert."

Der Weg nach Obermenzing ist weit, kaum ein Kind macht sich auf die lange Fahrt zur Ausleihbibliothek der IJB. Wohlstandskinder sind keine Trümmerkinder, die für Bücher dankbar sind – die Nachfolger von Jella Lepman scheinen das vergessen zu haben. Das Bücherangebot, damals notwendigerweise zufällig und unvollständig, steht in eigenartigem Widerspruch zu den Schätzen, die in den Schloßkellern ruhen: 25 000 historische Bände übergab 1969 die Unesco aus der ehemaligen Bibliothek des Völkerbunds in Genf, und der Hamburger Karl-Heinz Schulz vermachte 1984 seine Sammlung von 12 000 Abenteuerbüchern. Inzwischen ist allein der historische Bestand auf mehr als 60 000 Bände angewachsen. Doch oben, in der Ausleihbibliothek, ist nichts davon zu ahnen. Eine Obermenzinger Stadtteilbibliothek, in der nicht ein Buch in türkischer oder jugoslawischer Sprache steht – der Nationalitäten, die hier am stärksten vertreten sind.

Höfliches Lächeln und Schulterzucken von Offizieren, als Mrs. Lepman im wöchentlich stattfindenden general meeting im Hauptquartier in Bad Homburg die Sachlage referiert. Eine schöne Idee, gewiß. Internationale Verständigung durch Kinderbücher, eine Wanderausstellung, warum nicht. Nur findet sich im Etat des Umerziehungsprogramms kein Geld für Kinderbücher.