Von Christoph Drösser

Das National Air and Space Museum in Washington erfreut sich großer Beliebtheit. Mehr als sieben Millionen Besucher nutzen jährlich die Chance, einmal ein Stück Mondgestein anfassen zu können, die echte Apollo-11-Mondfähre in Augenschein zu nehmen oder „Astronaut Ice Cream“ aus Alu-Beutelchen zu schlürfen. Höhepunkt für jede Schulklasse ist ein Besuch des hauseigenen Kinosaals, in dem auf einer riesigen Leinwand die mit einer großformatigen Imax-Kamera gedrehten Nasa-Filme zu sehen sind.

Einer davon trägt den Titel „The Dream Is Alive“ – „Der Traum lebt“. Er wurde an Bord des Space Shuttle Challenger gedreht und zeigt Einsätze der Astronauten-Crews im All, etwa die Bergung und Reparatur des defekten Satelliten Solar Max im Jahr 1984. Während der Pilot Francis Scobee zu gravitätischer Multikanal-Stereomusik schwerelos durch die Raumfähre schwebt, wartet der Betrachter auf einen Hinweis, daß Scobee zu jenen sieben Astronauten gehörte, die keine zwei Jahre später bei der Explosion desselben Raumschiffs ihr Leben verloren haben.

Aber der Hinweis bleibt aus. Muß ausbleiben, denn der Film wird bis heute in der Originalversion von 1985 gezeigt. Die Challenger-Katastrophe hat in diesem Nasa-Streifen nicht stattgefunden; die sich anschließende zweieinhalb jährige Diskussion über die Risiken der Raumfähre ebenfalls nicht. Das Space Shuttle fliegt wieder, und mit ihm erleben die atemberaubend photographierten Propagandafilme der amerikanischen Raumfahrtbehörde ihre Renaissance. Die Astronauten der Challenger sind tot – aber der Traum lebt.

Trotz des Dämpfers durch den Challenger-Unfall träumt die Nasa gar neue Träume. In eben jenem Washingtoner Museum, in dem Amerikas Jugend die Sternstunden der bemannten Raumfahrt mit patriotischem Pathos vor Augen geführt werden, verkündete Präsident George Bush vor zwei Jahren die Weltraumambitionen der Zukunft: Im Jahr 2019, ein halbes Jahrhundert nach der ersten Mondlandung, soll ein Astronaut die amerikanische Flagge auf dem Mars aufpflanzen. Der Name des Unternehmens: Space Exploration Initiative (SEI), eine wohl freiwillige Anlehnung an Reagans SDI-Programm. Das amerikanische Volk allerdings wird dem Präsidenten in seiner Weltraumbegeisterung kaum folgen wollen. Die einst gefeierte Raumfahrtagentur Nasa nämlich steht heute eher im Ruf einer nationalen Peinlichkeit denn einer Organisation, mit der sich bahnbrechende Projekte verwirklichen lassen.

Jener 28. Januar 1986, als ein mangelhafter Dichtungsring an einer der Feststoffraketen dazu führte, daß sich die Challenger 73 Sekunden nach dem Start in einen Feuerball verwandelte, prägt noch heute die Diskussion über den Sinn der Raumfahrt, gerade in den USA. Seit der Wiederaufnahme des Raumfähren-Betriebs im September 1988 ist die Nasa überdies von einer Panne zur nächsten getaumelt. Die amerikanische Raumfahrtagentur, in den sechziger Jahren ein Synonym für Ehrgeiz, Forscherdrang, Effektivität und Erfolg, sieht sich ständiger Kritik und Häme ausgesetzt; das Nasa-bashing, das Einprügeln auf die Agentur, hat sich zur journalistischen Kunst entwickelt. Jeder Space-Shuttle-Flug ist eine Zitterpartie – und ein neuer Unfall mit Todesopfern könnte das vorläufige Ende für die bemannte Raumfahrt bedeuten. „Wenn bei einem der nächsten Flüge eine Raumfähre explodiert, dann wird in diesem Jahrhundert kein Amerikaner mehr ins All fliegen“, prophezeit John Pike von der Federation of American Scientists, einer unabhängigen Wissenschaftler-Vereinigung.

Das Jahr 1990 war für die Nasa ein besonders dunkles Kapitel. Von neun geplanten Shuttle-Flügen fanden ganze sechs statt – die restlichen mußten ausfallen, weil zeitweise zwei der drei Raumgleiter mit mysteriösen Treibstofflecks wie angenagelt im Hangar standen. Und wenn ein Start gelang, dann entpuppte sich die hochempfindliche und milliardenteure Nutzlast als Flop: etwa das Hubble-Weltraumteleskop, dessen Einsatz die Astronomen in aller Welt sieben Jahre lang entgegengefiebert hatten. Es erwies sich als fehlsichtig: Sein Spiegel war nach falschen Vorgaben geschliffen worden – ein Irrtum, der bei der Nasa nicht aufgefallen war, weil das fertige Gerät nie komplett getestet worden war. Beim vorletzten Shuttle-Flug im Dezember häuften sich die Probleme: Gleich zwei Computer der Raumfähre fielen vor Überhitzung aus; Flusen hatten ihre Lüftungsschlitze verstopft. Als auch noch die Bordtoilette streikte und die Astronauten ihre Fäkalien nicht mehr ins All pumpen konnten, wurde die Mission einen Tag vor der geplanten Landung abgebrochen. „Irgendwann holt dich Murphys Gesetz (Wenn irgend etwas schiefgehen kann, dann geht es schief) ein“, kommentiert ein Nasa-Mitarbeiter die Vielzahl der Pannen.