Im Morgengrauen, nach einer langen, ereignisreichen Nacht. Die Tore des Polizeipräsidiums öffnen sich. Drei Wagen rasen mit Blaulicht durch die leeren Straßen der Stadt, die Bucht hinauf, lassen endlose Betonvorstädte hinter sich, um schließlich nach Bellolampo zu gelangen, einer der größten Müllkippen Siziliens. Hier liegt ein Junge, etwa zwanzig, verbrannt, nicht identifizierbar. „Einer weniger“, murmelt ein Uniformierter. Die Kamera fährt langsam nach oben, bis hinter den Müllbergen, weit entfernt und fast eine Illusion, die Stadt sichtbar wird: Palermo.

„Afrika“, so heißt es in Italien, „beginnt im Süden.“ Die Mailänder sagen es, die Römer, die Neapolitaner. An Sizilien bleibt es hängen. Wer Afrika sagt, meint Armut und Dreck, Kriminalität, Prostitution und Drogen, Überlebenskampf in den Städten: Dritte Welt und Industrieland in einem.

Gute Filme über die Zerrissenheit des italienischen Südens sind selten geworden. Der radikale Zorn, mit dem die italienischen Filmemacher auf süditalienische und sizilianische Zustände reagierten, ist Vergangenheit. Rosi, Damiani, Petri, Pasolini sind tot oder haben sich selbst überlebt. Auch in Italien ist die Kunst unpolitischer geworden. Heutzutage werden – wenn überhaupt – nur noch die Symptome gezeigt. Die Filmemacher erzählen private Geschichten von denen ganz unten, ohne die Mißstände zu analysieren, ohne Verantwortliche zu nennen. Der Unterschied zur Unterhaltung, zu Mafiosi-Krimis und Celentano-Klamauk ist nicht länger qualitativ: Nur die Mittel der Unterhaltung sind andere. Das Leben zu zeigen oder es zu ästhetisieren ist nicht genug.

Auch das Engagement von Marco Risi, 38, bleibt verhalten. Der gebürtige Mailänder, Sohn des Regisseurs Dino Risi, schildert in zwei Filmen das Leben von Jugendlichen in Palermo: in „Mery per sempre“ („Für immer Mery“) den Alltag in der Jugendstrafanstalt Malaspina, in „Ragazzi fuori“ („Überleben in Palermo“) den Alltag auf den Straßen von Palermo. Zwei Filme über den ewigen Kreislauf des Drinnen-Draußen, über das Gefühl, ohne Zukunft zu leben, ohne Hoffnung, zwei Filme über sopravivere und arrendersi, überleben und sich arrangieren.

„Mery per sempre“, 1988 nach einem Roman von Aurelio Grimaldi gedreht, ist der schlechtere Film. Die Jugendlichen, die in Malaspina offiziell erzogen, in Wirklichkeit jedoch eingekerkert werden, sind ungebildet und hart, aber herzlich; die Wächter tun nur ihre Pflicht; der lehrende Idealist (Michele Placido) überwindet die Ablehnung seiner Schüler durch Intelligenz, wird jedoch als Katalysator und Prügelknabe verschlissen – ein Film, den es so oder ähnlich schon oft und in fast jedem Land gegeben hat, in Deutschland etwa von Norbert Kückelmann („Morgen in Alabama“). Redliches, filmisch weitgehend konventionelles Unterhaltungskino.

Nur manchmal gelingt Risi, was er erst in „Ragazzi fuori“ verwirklicht hat – die Verbindung von dokumentarischer Spielhandlung und Poesie: Wenn die Jungen mit einem imaginären Ball spielen, nachdem der Wärter ihnen das Leder genommen hat; wenn der Transvestit Mery seinen Lehrer küßt; wenn wir in der letzten Einstellung nach einer langen Kamerafahrt sehen, worauf der mittlerweile tote Pietro geblickt hat, wenn er sich dem Unterricht verweigerte: einen jungen Baum im Gefängnishof.

In „Ragazzi fuori“, zwei Jahre später mit den gleichen Darstellern gedreht, nimmt Risi die Fäden von „Mery per sempre“ wieder auf. Der Film folgt dem Leben der Hauptpersonen, nachdem sie aus der Haft entlassen sind. Mery (Alessandro Di Sanzo), der charismatische Titelheld des ersten Films, intelligent und schön, mit schwarzen Locken, sanften, dunklen Augen, weicher Haut und makelloser Figur, verkauft sich wieder auf dem Autostrich von Palermo und wartet auf seinen Prozeß, in dem er ungewöhnlich hart bestraft werden wird. Claudio, noch keine zwanzig, heiratet, wird Väter und landet schließlich – ein Racheakt – erschlagen und verbrannt auf der Müllkippe von Bellolampo. Antonio versucht seine junge Familie zu ernährei und wird verhaftet, weil er Kartoffeln ohne Lizenz verkauft. Giovanni „King Kong“ lebt in den Tag hinein und wird von einem Polizisten erschossen, weil er ein Autoradio stehlen wollte.