Köln

Kölns Homosexuelle haben Heimvorteil. Die vom Arbeitskreis Schwule Geschichte Kölns vorbereitete Ausstellung ",Verführte‘ Männer", eine Dokumentation über "Das Leben der Kölner Homosexuellen im Dritten Reich", setzt auf den Wiedererkennungseffekt. Sie konfrontiert die Kölner mit ehemals klassischen Schwulen-Schauplätzen: den Pissoirs am Hansaring, Neumarkt, Rudolfplatz, am Bahnhof und an der Rampe zur Hohenzollernbrücke, wo während der NS-Zeit die meisten Homosexuellen verhaftet wurden, nachdem sie den Rückzug in die Anonymität schon angetreten hatten und die meisten Lokale, die zur "Szene" zählten, ihren Schankbetrieb hatten einstellen müssen.

In der Hahnenstraße lag beispielsweise das "Nettesheim-Casino", am Perlenpfuhl das "Weinhaus zur Traube", in der Friedrichstraße das legendäre "Dornröschen", Schauplatz für die Starauftritte der Transvestiten-Lokalgrößen. Sogar die rechtsrheinische "Schäl Sick" hatte ihren Homo-Treff zu bieten, und Vor St. Martin war das "Steinerne Kännchen" zu Hause – die einzige Schwulen-Kneipe, die das NS-Regime überleben sollte, dank des kölsch-resoluten Widerstands ihrer Wirth, der legendären "Mamm".

Die Kölner mit derart vertrauten Straßennamen zu konfrontieren, ist ein in dieser geschichtsverliebten Stadt besonders wirksamer Weg, ein nach wie vor brisantes Thema so unter die Leute zu bringen, daß sich ihm auch diejenigen nicht entziehen können, die davon am liebsten immer noch nichts hören und sehen wollen. Und die Kölner Schwülen-Historiker wagen es, ihre – weit über die Stadtgrenzen hinaus sehenswerte – Dokumentation (ebenso wie das lesenswerte Begleitbuch) über die angebliche "Stunde Null" fortzuschreiben.

So bringen sie zum Beispiel folgenden Fall zur Sprache: Im März 1941 war ein Kölner Homosexueller von einem Sondergericht zu einem Jahr und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt worden – einer von insgesamt rund 50 000 Schwulen, die während der NS-Zeit wegen gleichgeschlechtlicher "Unzucht" für schuldig befunden wurden. Dem Mann wurde zur Last gelegt, in einem öffentlichen Pissoir einen Lockvogel der Gestapo am Geschlechtsteil berührt zu haben. Nach dem Krieg stellte er einen Antrag auf Revision. Doch das Urteil wurde nicht aufgehoben, sondern die Strafe bloß "auf ein gerechtes Maß" von neun Jahren Gefängnis reduziert.

Um den Griff ans Geschlecht mit neun Monaten Haft zu belegen, bedurfte es demnach keiner "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung" mehr, keiner zentralen Homosexuellen-Listen und auch keiner Hetzpropaganda des Homosexuellen-Hassers Heinrich Himmler, wonach diese "Seuche" dem Volk "hunderttausende im besten Mannesalter stehende Menschen dem natürlichen Fortpflanzungsprozeß" entzogen habe. Zwischen 1950 und 1965 kamen bundesweit aufgrund des Schwülen-Paragraphen jährlich im Durchschnitt immer noch 3290 Männer vor Gericht, von denen 84 Prozent rechtskräftig verurteilt wurden – entscheidend revidiert wurde der Paragraph 175 erst 1969. Demnächst wird dieses "Leitfossil bundesrepublikanischer Sexualfeindlichkeit" (Schwulenverband) in Angleichung an die Rechtslage in der ehemaligen DDR wohl vollends gestrichen werden. Übrigens: In den Jahren vor der Machtergreifung hatte die Zahl der jährlich Verurteilten bei nur 687 gelegen.

Solche Zahlen belegen einmal mehr: Homosexuelle hatten keine Lobby in der Bundesrepublik. Damit blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als ihre Interessen selbst zu artikulieren. Und da ist so viel nachzuholen, daß auch in der Kölner Ausstellung vieles mangels Akten und Dokumenten "exemplarisch" bleibt, obwohl rund hundert Vernehmungsprotokolle der Gestapo und Urteile des Landgerichts Köln ausgewertet, Literatur- und A rchivmaterial studiert, fünfzehn Interviewpartner gefunden wurden.