Frankreichs Staatschef erwies sich als beweglicher Traditionalist mit viel Geschick und wenig Größe

Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im Mai

François Mitterrand trägt weder eine Uhr, noch führt er Geld bei sich. Was wie ein stummer Protest gegen die Zwänge der Wirtschaftswelt wirkt, hat durchaus politische Bedeutung. "Man muß der Zeit Zeit lassen", lautet seine Maxime. Der Präsident dürfte neben Giulio Andreotti der dienstälteste und überlebensfähigste Politiker des Westens sein. In der ersten Regierung der Vierten Republik war er 1947 der jüngste Minister und wechselte danach noch zehnmal das Ressort. Im höchsten Amt der Fünften Republik regiert er sein Land seit dem 10. Mai 1981; zuvor überdauerte er fast ein Vierteljahrhundert in der Opposition, oft knapp am Erfolg vorbei und von Freund und Feind immer wieder abgeschrieben. Rückblickend klingt jene Maxime darum wie eine Durchhalteparole: Doch für den Präsidenten Mitterrand wurde die Zeit, wurde die Dauer zur einmaligen Chance.

Kaum einem Staatschef gönnt eine demokratische Verfassung sieben Jahre, um seiner Politik Profil und seinem Land ein anderes Gesicht zu geben. Mitterrand wurde die Gunst des Wählers zudem gleich zweimal zuteil. Im September wird der dann 75jährige Politiker den Über- und Verfassungsvater de Gaulle an Jahren der Macht überrundet haben; am Ende seines Mandats 1995 wird er die Staatsgeschäfte so lange wie Adenauer geführt haben. Eine erstaunlich lange Zeit – und in der französischen Geschichte eine einzigartige Spanne. Denn seit 1789 regierte die Linke genau besehen nur vier- oder fünfmal. 1848 für vier Monate und 1870 während der Pariser Kommune nur für zwei; in der Volksfront 1936 dann ein Jahr, während der Vierten Republik nur in kurzlebigen Kabinetten und niemals allein. Zehn Jahre der Macht sichern dem Präsidenten darum schon heute den ersehnten Eintrag ins Geschichtsbuch.

Wird es ein Kapitel oder nur eine Fußnote sein? Frankreich hat sich in dieser Dekade erstaunlich verändert, auf stille Weise und von vielen unbemerkt, weil im Osten von der Moskwa bis an den Rhein die Veränderung so viel aufregender verlief. Aber war es wirklich François Mitterrand, der sein Land veränderte? Er versprach 1981 größere soziale Gerechtigkeit: Heute sind eine Million Franzosen mehr als bei seinem Amtsantritt ohne Arbeit, betteln eine dreiviertel Million Menschen um Almosen. Damals wollte Mitterrand mehr Moral ins politische Spiel bringen: Heute steht die Linke genauso im Zwielicht der politischen Affären wie einst die Rechte. In den mühsamen Jahren der Opposition verstand es Mitterrand stets aufs neue, junge, ehrgeizige Politiker um sich zu sammeln: Doch ob seine sozialistische Partei, die er 1971 gründete, jenen Augenblick überleben wird, da er das Elysée verläßt, scheint höchst ungewiß. In den vergangenen zehn Jahren verlor die Linke ihre ideologischen Flausen, aber auch alle Ambitionen über das Tagesgeschäft hinaus; zugleich legte die Rechte auf der ungewohnten Oppositionsbank manch angestaubte Vorstellung ab.

Die "Ära Mitterrand" begann mit Klassenkampf-Rhetorik auf beiden Seiten und erlebt jetzt ein allseitiges Konsens-Geraune. Zur Zweihundertjahrfeier der Revolution, dieser Urszene französischer Politik, fiel weder der Linken noch der Rechten etwas Gescheites ein. Längst hatte Mitterrand die sozialistische Rose mit dem Zepter vertauscht, hatte die Rechte begriffen, daß seine Regentschaft Frankreich nicht ins Verderben stürzt. Erleichtert rief angesichts der sich abschleifenden Gegensätze der Historiker François Füret schon das Ende des französischen Sonderwegs, der exception française, aus.