Groß Häuslingen

Während Stuten-Triene mit Lockenwicklern und knallrot geschminkten Wangen unter der Trockenhaube sitzt, läßt Bauer Krischan sich einen Oberlippenbart unter die Nase tuschen. Der Knecht steigt in die Gummistiefel. Letzte Vorbereitungen für "Die Radikalkur" im Gasthaus "Glück auf". Die Landjugend-Laienspieler schlüpfen in ihre Rollen, die Band stimmt die Instrumente. Plattdeutscher Theaterabend mit anschließendem Tanz in Groß Häuslingen – einem Dorf zwischen Bremen und Hannover. Noch spielt sich das Hauptgeschehen hinter den Kulissen ab – mit der Friseuse als Hauptfigur: Dauerwelle für die Damen, Schmalzlocke für den Herrn. Haarspray liegt in der Luft. Der Saal füllt sich.

"Das ist das tolle", sagt der 25jährige Melkanlagen-Monteur Frank Schuhmacher, der den Bauern spielt. "Das ist der Reiz, wenn man so angespannt ist wie heute und die Leute begeistert sind und lachen." Daß sie lachen, dafür garantiert das Stück. Der Clou der "Radikalkur": Der besoffene Knecht rückt Holzwürmern mit der Giftspritze zu Leibe; nicht ahnend, daß sich die neugierige Haushälterin im Schrank versteckt. Noch mehr Heiterkeit erregen aber solche Pointen, die nicht im Text vorgesehen sind. Wenn, wie bei der Premiere, ein Stuhl zusammenkracht, dann kreischt der ganze Saal.

"Derb und deftig" heißt das Erfolgsrezept. Und wenn es gilt, eine Kopfverletzung effektvoll darzustellen, dann schrecken die Groß Häuslinger nicht davor zurück, sich mit echtem Schweineblut zu schminken. Sogar einen lebenden Hahn haben sie schon auf der Bühne gehabt. Weil der so dreckig war und wohl auch ein bißchen gestunken hat, haben sie ihn vorher geduscht und dann liebevoll gefönt. Der Mühe Lohn: Nicht nur der Hahn war aus dem Häuschen, sondern auch das Publikum – vor Begeisterung.

Die aber kommt nicht von selbst auf. Drei Monate lang haben sie zweimal in der Woche geprobt, die letzten vierzehn Tage vor der Aufführung täglich – im eiskalten Saal in dicken Jacken. Jetzt, kurz vor der Aufführung, ist es bullig warm auf der Bühne. Der Ofen läuft auf Hochtouren, die Scheinwerfer brennen. Der zwanzigjährige Landmaschinenmechaniker Willfried Heitmann – ausstaffiert als niedersächsischer Knecht von der Schirmmütze bis zu den Gummistiefeln – wippt von einem Bein aufs andere, in der einen Hand das Textbuch, in der andern die Peitsche. Süßlichklebriger Likör macht die Runde. "Bei uns iss alles andersrum", singen sie, um sich Mut zu machen.

Warum Platt? "Platt ist lustiger", sagt Frank. "Die Sachen kommen irgendwie besser rüber." Untereinander und zu Hause aber reden fast alle Hochdeutsch. So ist es überall. Selbst auf den norddeutschen Dörfern wird kaum mehr Platt geschreckt. Die einstmals grenzüberschreitende Kaufmannssprache ist herabgesunken zur aussterbenden Mundart. Aus Schule und Kontor verdrängt, prägte sich das Bild einer ulkigen Sprache von etwas zurückgebliebenen Leuten auf dem flachen Land. Geeignet also nur noch für seichte Lachstücke zwischen Misthaufen und Mottenkugeln?

Die niederdeutschen Laienbühnen scheinen dieses Klischee zu bestätigen. Der simple Schwank kommt immer noch am besten an – von der "Swienskomödie" bis "Sokrates im Saftladen". Aber die Theaterlandschaft ist vielgestaltiger. An die 10 000 Gruppen spielen gegenwärtig zwischen Waterkant und Westfalen Theater auf Platt. Die Bandbreite reicht von Vereinsbühnen mit sporadischen Aufführungen bis hin zur Speeldeel mit langer Tradition und hohem Anspruch.