Von Gisela Dachs

Dresden, im Mai

Wer kann schon Deiche bauen, wenn ihm das Wasser bis zum Halse steht und die Wellen immer höher schlagen? Für Jan Ullrich Ellrodt stellt sich die Frage täglich. Der langjährige Leiter des Karlsruher Arbeitsamtes ist seit Januar im "Osteinsatz". In Dresden soll er helfen, ein Arbeitsamt nach westlichem Muster aufzubauen. Wie aber kann er das schaffen, wenn die dramatisch ansteigende Arbeitslosigkeit das ohnehin überforderte Personal beinahe erdrückt und wenn sich gleichzeitig alte Gewohnheiten auch bei einem neuen Arbeitsstil nicht so einfach abschütteln lassen?

Während in vielen Behörden im Osten die kopflastige Verwaltung erst einmal abgebaut werden muß, bauen die Arbeitsämter ihren Personalbestand auf. 650 Angestellte sitzen im Arbeitsamt Dresden, genauso viele wie im Karlsruher Amt. Bis vor kurzem war in dem sechsstöckigen Gebäude in der Semperstraße noch die Verwaltung eines Betonleichtbaukombinats untergebracht. In den Fluren riecht es nach frischer Farbe, Teppiche werden gelegt, Stühle bereitgestellt. Die Schwellenangst der ehemaligen DDR-Bürger ist groß, Tränen sind nicht selten: Die Arbeitslosigkeit trifft diese Menschen besonders hart, deren Gesellschaft durch Vollzeitbeschäftigung geprägt war. Selbst im Rentenalter arbeiteten noch viele, mehr als neunzig Prozent der Frauen waren berufstätig.

Im April waren im Arbeitsamtsbezirk Dresden 22 000 Arbeitslose und 65 000 Kurzarbeiter registriert. Jan Ullrich Ellrodt hat in den vergangenen Monaten gelernt, Verständnis aufzubringen für die Landsleute mit einer anderen Vergangenheit. So holt der eher autoritäre Westbeamte in seinem Dresdner Büro lieber tief Luft, anstatt sich lauthals darüber aufzuregen, daß eine Statistik, die er schon viermal angefordert hat, immer noch nicht den Weg auf seinen Schreibtisch gefunden hat. Dafür reißt ihm um so leichter der Geduldsfaden, wenn er sich vergeblich müht, Bundesbürgern begreiflich zu machen, welche Bürden die Menschen im Osten zu tragen haben. Ellrodt ist zum Grenzgänger geworden, obwohl es keine Grenze mehr gibt. Wie in manchen anderen Fällen war auch bei ihm die Biographie ein entscheidender Beweggrund für den Gang nach drüben. Der 53jährige Beamte wurde im thüringischen Suhl geboren, sein Vater leitete dort das Arbeitsamt. Auch deshalb hat sich Ellrodt, der akzentfreies Sächsisch sprechen kann, "aufgerufen gefühlt", die Dresdner Behörde, die vom Landesarbeitsamt Baden-Württemberg betreut wird, mitaufzubauen. Zunächst sollte er nur sechs Wochen lang einer der "Direktorenkonsulenten" sein, wie sie den Leitern der 38 neuen Ämter in der ehemaligen DDR zur Seite stehen. Doch dann kündigte der Dresdner Direktor, ein ehemaliger SED-Funktionär, der im vergangenen Jahr von der Stadt eingesetzt worden war. Seine Vergangenheit hatte ihn eingeholt.

Ellrodt hat einstweilen die Vertretung übernommen. Länger als bis zum Herbst will er aber Frau, Kinder, Haus und Amt in Karlsruhe nicht alleine lassen. Bis dahin muß er weiterhin mit seinem möblierten Zimmer am Rande der sächsischen Landeshauptstadt vorliebnehmen. Bis dahin muß auch ein neuer Leiter gefunden sein. Die Sache ist schwierig, denn es mangelt an qualifiziertem Führungspersonal. Sieben Bewerbungen aus dem Osten wurden bisher abgelehnt; aus dem Westen kam keine Anfrage. "Alle Fehlentscheidungen, die jetzt getroffen werden, sind später unkorrigierbar", sagt Ellrodt, der vor der heiklen Aufgabe steht, die Angestellten – die bisher alle gleichgestellt sind – in Vergütungsgruppen aufzuteilen. Vom 1. Juli an gelten im öffentlichen Dienst in den neuen Bundesländern die Tarifverträge aus dem Westen. Der Amtschef muß deshalb entscheiden, ob sich die Leute überhaupt für die Tätigkeit eignen, die sie bereits ausüben.

Ellrodt verteidigt den entlassenen Direktor, der wie alle Angestellten überprüft worden war und gegen den es keine überzeugenden Vorwürfe gab. Er macht auch seinem Ärger Luft über die Pauschalvorwürfe gegen die "alten Seilschaften und roten Socken", die angeblich auf den besten Stühlen sitzen. "Man ist hier schnell erledigt durch süffisante Bemerkungen in der Lokalpresse, egal, ob was dran ist oder nicht." Immer mal wieder werden solche Zeitungsausschnitte an die Tür der neuen Behörde geklebt. Die Arbeitsämter, die alle im Frühjahr des vergangenen Jahres entstanden, sind solchen Beschuldigungen besonders stark ausgesetzt, weil viele der Angestellten aus den ehemaligen Ämtern für Arbeit übernommen wurden. "Wenn diese Leute nicht wären, hätten wir den aktuellen Leistungsstand nicht erreicht, denn sie waren immerhin in der einschlägigen Verwaltung tätig", stellt Ellrodt klar.