Fiele doch jede Wahl so leicht wie jene, vor die der betr. Mensch sich behördlicherseits durch Schriftstücke gestellt sieht, die an Frau/Herrn adressiert sind. Man hat sich ja im Laufe der Jahre an das eine oder andere gewöhnt, so daß die Entscheidung nicht schwerfällt, um so weniger, als die dritte Möglichkeit, sich als Frl. zu verstehen, dem Fortschritt zum Opfer gefallen ist, der auch auf Amtswegen seine Spuren hinterläßt.

Beim hier in Rede stehenden Schriftstück handelt es sich notabene um eine Wahlbenachrichtigung. Denn es gilt wieder einmal zu wählen in jenem Sinne, den die Rundfunknachrichten am Wahltag gern als Urnengang bezeichnen, zu dem die Wähler aufgerufen sind.

Ruhig Blut, liebe Leser im rebenbekränzten Rheinland-Pfalz, ihr müßt nicht schon wieder, ihr habt ja gerade. Jetzt gilt es, das Bürgerschaft genannte Landesparlament der Freien und Hansestadt Hamburg zu wählen. Am 2. Juni ist der hiesige Souverän mal wieder dran und mit fünf Mark dabei, die er über seine Steuern zur Wahlkampfkostenerstattung der Parteien als Wahlberechtigter zu zahlen hat, ob er nun wählt oder zu Hause bleibt. Dafür wird er schon seit Wochen von den Parteien umschmeichelt.

Daß an Alster und Elbe in absehbarer Zeit eine Wahl ansteht, haben die Wahlberechtigten längst geahnt, ehe die behördliche Benachrichtigung ihnen die Wahl ließ, sich als Frau oder Herr zu verstehen. Seit die CDU mit ihrem Ostereiersuchen entlang der Alster entschlossen den Frühstart in den Vorwahlkampf riskierte, verzeichnet das Stadtbild von Boomtown, wie die Grünen hierorts die Freie und Hansestadt respektlos nennen, einen wachsenden Befall mit Plakaten. Auch ist zufällig der Bundeskanzler in diesen Tagen zweimal kurz hintereinander zu bedeutsamen Veranstaltungen, die allerdings mit dem Wahlkampf rein gar nichts zu tun haben, in Hamburg.

Nun behauptet der Volksmund ja, es werde nirgendwann so gelogen wie bei Beerdigungen, nach der Jagd und vor Wahlen. Aber der Volksmund schnattert manchmal eben ganz hemmungslos, zumal aufs Stichwort Wahlen: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Wer muß, hat keine Wahl. Wer lange wählt, bekommt das Schlechteste. Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber. Unter Wölfen ist schlecht wählen. Und derlei mehr.

Wahr ist ja, daß die Wähler in Hamburg mit der Wahl die Qual haben, aber doch nur, weil sie die gleichen frommen Wünsche hegen wie die Parteien, die sie bisher nicht erfüllen konnten. Wer wäre nicht für mehr Kindergartenplätze und gegen die Drogenkriminalität wie die CDU? Wer wäre nicht für die Zukunft und den Aufwind wie die FDP? Wer befürwortete nicht den der Klimakatastrophe, dem Verkehrsinfarkt, der Ellenbogengesellschaft zu gebietenden Stopp, und wer wäre nicht, wie die SPD, für noch mehr Gleichberechtigung?

Nicht umsonst spricht man vom Wahlfieber. Nimmt es zu, beginnt der Betroffene wie im richtigen Leben zu delirieren. Das hanseatische Wahlfieber nähert sich sachte gefährlich hohen Temperaturen.