Von Rudolf Walter Leonhardt

Er weigerte sich, persönlich zum Prozeß zu erscheinen. Walter Janka erklärte, er habe befürchtet, er könnte die Selbstbeherrschung verlieren, wenn er Wolfgang Harich sähe. Ihm war auch klarer als Harich und den vielen Journalisten, die sich Ende letzten Monats in dem kleinen Sitzungssaal des Berliner Landgerichts drängten, daß bei dem kurzen Zivilprozeß so gut wie gar nichts herauskommen würde.

Wer gehofft hatte, die Ereignisse des Jahres 1956 und die Prozesse des Jahres 1957 in Ost-Berlin könnten 35 Jahre später im Westen der Stadt wenigstens teilweise noch einmal aufgerollt werden, wurde enttäuscht. Hier ging es lediglich um vier Äußerungen Jankas, zwei 1990 im Fernsehen getan und zwei in dem 1989 bei Rowohlt erschienenen Buch "Schwierigkeiten mit der Wahrheit". Janka, der sich von Harich seit 35 Jahren dauernd verleumdet fühlt, hatte sich dazu überreden lassen, seine Verleumdungsklage auf vier Punkte zu stützen, von denen allenfalls einer relevant ist, jedenfalls für den Hochverratsprozeß vom Juli 1957, in dem Walter Janka als Mitglied einer Verschwörung gegen Walter Ulbricht und den SED-Staat zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Hauptzeuge der Anklage war Wolfgang Harich, selber wegen des gleichen Verbrechens vier Monate vorher zu zehn Jahren verurteilt.

Harichs Geständnis der eigenen Schuld sowie seine Aussagen gegen Janka und andere wurden als großer theatralischer Auftritt inszeniert. In der Form, in der sie uns vorliegen, erscheinen sie von Anfang bis Ende widerwärtig. Janka greift nur eine kleine Sache am Rande heraus. Der Generalstaatsanwalt Melsheimer fragt: "Konnte Janka ahnen, daß Sie mit der SPD verhandelt haben?" Darauf Harich: "Ich glaube, daß er es geahnt hat."

Diese Behauptung zu wiederholen wurde ihm jetzt vom Gericht untersagt. Aber es kam ja wirklich nicht darauf an, was einer "glaubt", daß es ein anderer "ahnt". Harichs "Kontakte" mit der SPD, die dabei nicht durch führende Leute vertreten war, hatten nicht die geringste politische Bedeutung.

Das wird völlig klar, wenn man sich Harichs Vorstellungen, die in verschiedenen Thesen-Papieren festgehalten sind und sich "Plattform über den besonderen deutschen Weg zum Sozialismus" nennen, einmal ansieht. Ich zitiere nach dem Wortlaut, wie er am 1. Mai 1957, also sieben Wochen nach Harichs Verurteilung, vom Ostbüro der SPD veröffentlicht worden ist:

"Wir wollen unsere Konzeption vom besonderen deutschen Weg zum Sozialismus und unsere Plattform eines vom Stalinismus befreiten Marxismus-Leninismus vollkommen legal in der Partei und in der DDR diskutieren und verwirklichen."