Lenchen, die eigentlich Helena heißt, hat ein Problem. Sie ist ein ungemein liebenswürdiges kleines Mädchen, aber nur, solange ihre Eltern das tun, was sie von ihnen verlangt. Leider passiert dies nur allzuselten. Und so beschließt Lenchen, sich mit ihrem Problem an eine Fee zu wenden – gut oder böse, Lenchen ist es egal.

Glücklicherweise findet sie Franziska Fragezeichen, die „Verwünschungen und Erlösungen nach Maß“ verspricht. Das Problem leuchtet auch der Fee ein: Die Eltern sind in der Überzahl und zudem größer. Eine doppelte Ungerechtigkeit, gegen die es nur ein Gegenmittel gibt: Zuckerstücke, die ihre Eltern jedesmal um die Hälfte schrumpfen lassen, sollten sie Lenchen widersprechen. Aber wirklich jedesmal.

Ein Kindertraum geht in Erfüllung. Papa ist von stolzen 1,84 Meter auf 23 und Mama gar auf 21 Zentimeter geschrumpft. Zu zweit passen sie bequem in ihren Puppenwagen, nur fühlt sich Lenchen inzwischen auch nicht mehr ganz wohl in ihrer Haut. Bei nächtlichem Gewitter liegt sie allein im großen Ehebett, und als ihre Eltern am nächsten Tag beinahe von einem Kater gefressen werden, sperrt Lenchen sie vorsorglich zu dem Porzellan-Buddha in die Glasvitrine.

Lenchen hat plötzlich mehr als ein Problem. Und so fügt es sich märchenhafterweise, daß Franziska Fragezeichen – in allerletzter Sekunde, wie es sich gehört – die Zeit zurückstellen kann. Aber leider nur unter einer Bedingung: Lenchen muß die ominösen Zuckerstückchen selber essen und darf, aus Angst vor der Ungehorsamkeits-Schrumpfung, ihren Eltern nie wieder widersprechen.

Dies wird nun selbst den Eltern zuviel. Aber wie es von einem Vater in Normalgröße zu erwarten ist, weiß er Rat, und so nimmt die Geschichte ein glückliches Ende. Sogar gelernt haben alle Beteiligten zu guter Letzt etwas: nämlich nur noch zu widersprechen, „wenn es tatsächlich notwendig war, und nicht mehr einfach bloß so“.

Das mag manchem zuviel an pädagogischer Einsicht sein. Der Hintersinn der Parabel vom Widersprechen und dessen gefährlichen Folgen überdeckt diesmal doch sichtlich die Fabulierkunst des Kult- und Bestsellerautors Michael Ende, der den anarchistischen Esprit des Geschichtenerzählers der gutgemeinten Botschaft opfert. Trotzdem bleibt „Lenchens Geheimnis“ – in seiner einfachen Sprache – vor allem für Kinder zwischen vier und acht ein lesenswertes Vergnügen.

Und anschauenswert ist sie auf jeden Fall. Der in der Tschechoslowakei geborene und seit 1982 im Schwarzwald lebende, mehrfach international (zuletzt mit dem „Magischen Stift“ für sein Gesamtwerk) ausgezeichnete Graphiker Jindra Čapek hat Lenchens Geschichte sparsam, aber eindrucksvoll illustriert. Diese Bilder sind alles andere als niedlich und nett. Gemein präzise sind sie und rätselhaft abgründig, so etwa, wenn sich die zur Miniatur verkümmerten Erziehungsgewaltigen neben dem entrückt lächelnden Buddha mit wut- und angstverzerrten Gesichtern an der Scheibe der Glasvitrine die Nasen plattdrücken oder wenn Lenchens schattenhafter Umriß verloren über einen endlos weiten, zugeforenen See. auf eine graue Insel zutapst, wo sie die Fee ein zweites Mal erwartet. Dann schimmert „Lenches Geheimnis“ auf einmal in der schlichten und geheimnisvollen Poesie eines schönen und wahren Märchens. Kristian Lutze