Von Margrit Sprecher

An genüßlich ausgedachten Horrorszenen fehlt es nicht. Tausende von mutterlosen Familien, die vor dem Fernsehapparat verdrossen aus Büchsen löffeln; Warenhäuser, deren Abteilungsleiter händeringend zwischen Kundenstrom und müßigen Verkäuferinnen pendeln; Büros, in denen gereizte Bosse an der unvertrauten Mechanik der Kaffeemaschine hebeln und das Archiv, auf der Suche nach einem Dossier, auf Monate hinaus verwüsten.

Auch wer nicht an solche worst case- Szenarien glaubt, muß zur Kenntnis nehmen, daß täglich mehr Schweizerinnen lustvoll mit dem Streikgedanken kokettieren und immer mehr Männer ihre weibliche Umgebung argwöhnisch mustern: Streikt sie, streikt sie nicht? Muß man am 14. Juni wirklich auf den gewohnten Service verzichten? Verstärkt wird das keimende Mißtrauen des Schweizers durch den noch immer unverdauten Schock der beinahe erfolgreichen Initiative zur Abschaffung der Armee. Offenbar gelingt es unberechenbaren Elementen immer müheloser, selbst die heiligsten Schweizer Kühe – Armee und Vorherrschaft des Mannes – Richtung Schlachtbank zu treiben! Derweil verkünden die Organisatorinnen neue Erfolgsmeldungen. Schon arbeiten fünfzig lokale Streikkomitees auf Hochtouren. Nicht nur die 55 000 Gewerkschafterinnen, sondern auch die 7400 Frauen der Bundesverwaltung werden streiken, ebenso die Mitarbeiterinnen der Berner Volksbibliotheken und der Solothurner Frauenklinik, die an diesem Tag nur Notfälle aufnehmen wird. Der katholische Frauenbund hat seine Sympathie bezeugt, und der Schweizerische Kaufmännische Verein – er lädt die Frauen zur Schifffahrt ein. Die Stadtpräsidentin von Lausanne, Yvette Jaggi, die Zürcher Justizdirektorin Hedi Lang und die Berner Schuldirektorin Joy Matter werden an diesem Tag nicht in ihren Büros sitzen. Dazu kommen unzählige Einzelkämpferinnen wie die Prostituierte Brigitte Obrist aus Kralligen, die "am 14. Juni jegliche Dienstleistung sexueller und nichtsexueller Art" zu verweigern gedenkt. Das Schweizer Wirtschaftsmagazin Cash hat den materiellen Schaden des Streiks errechnet: Er kommt auf eine halbe Milliarde Franken.

Neu ist die Frauenstreik-Idee ja nicht. Inspiriert von Lysistrata, hatten am 24. Oktober 1974 neunzig Prozent der Isländerinnen ihr Vaterland lahmgelegt, auf daß es ein Mutterland werde. Offenbar mit Erfolg: Fünf Jahre später konnten sie ihre erste Staatspräsidentin feiern.

Ähnliches schwebte auch einer Handvoll Frauen von der Frauenkommission des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes vor, als sie "bei einem guten Glas Wein" zornig Bilanz zogen und befanden: Genug ist genug. Zehn Jahre Gleichheitsartikel in der Bundesverfassung – und nichts ist geschehen. Noch immer sitzen nur 35 Frauen unter den 246 Parlamentariern. Noch immer verdient die Schweizerin ein Drittel weniger als der Schweizer – als Angestellte beispielsweise 3582 statt 5196 Franken. Noch immer ist in 122 der 259 größten Schweizer Unternehmen keine einzige Frau unterschriftsberechtigt, sind es in 71 weiteren Betrieben weniger als fünf Prozent. Und weiterhin prellt die Sozialversicherung mit gekürzten Renten alle Frauen, die unentgeltlich Kinder erziehen und alte oder kranke Menschen betreuen.

Wie genau gestreikt wird, darüber sickert nur wenig an die Öffentlichkeit. Aus gutem Grund. Es soll kein schematisch-unfroher Männerstreik werden, sondern ein phantasiesprühender Tag. Nicht kummervoll-verkniffene Münder sind gefragt, sondern Temperament und Fröhlichkeit. Hausfrauen wird geraten, Besen und Pfannen gut sichtbar ins Fenster zu hängen. Bahnangestellten wird empfohlen, statt der Uniform lila-pink-violette Kleider zu tragen; Lehrerinnen sollen statt des Dreisatzes Gleichberechtigungsfragen erklären. In ländlichen Gebieten wie Uri und St. Gallen werden Rattenfängerinnen-Züge von Hof zu Hof ziehen und ihre Schwestern mit Musik aus Haus und Stall locken. Ein anderer Frauentrupp stellt den Warenhaus-Verkäuferinnen Stühle zum Ausruhen hinter den Ladentisch.

Die meisten Schweizer reagieren ungläubig bis ungehalten. Jahrhundertelang haben sie und ihre Väter an der Modellschweizerin gebastelt, die in ihrem Leben nur zwei Worte zu lernen brauchte: "Mami" und "mi Ma" (mein Mann). Und nun: Alles für die Katz’. Zwar gibt es fortschrittliche Exemplare wie den Zürcher Stadtpräsidenten Estermann, der auf Zürichs Plätzen persönlich die Streiksuppe rühren wird. Und auch einige Berner Männer wollen auf den Straßen Tische aufstellen, wo jede Frau ihre Wäsche zum Bügeln hinbringen kann.