Von Klaus Hartung

Peter Glotz hat den Sextanten zur Seite gelegt und die Brücke des Tankers unwiderruflich verlassen. Er hat die Rolle gewechselt und präsentiert sich nun als Kassandra. Kassandra sein, das ist ein Landberuf. Schließlich zählen auf dem Schiff nicht Gesichte drohender Gefahren und dunkle Vorahnungen. Hier zählen nur die Karten, die genaue Position und präzise Angaben über die eigene Bewegung. Peter Glotz hat Gesichte und warnt vehement vor Anzeichen eines neuen Verhängnisses. Er nennt es die „nationale Intelligenzija“.

Warum sie nicht einfach Intelligenz heißen darf, kann man nur vermuten. Ich jedenfalls assoziiere da Datscha, Parteiauftrag, Scharfzüngigkeit, Willfährigkeit; kurz: wenig Sympathisches; jedenfalls scheint es sich da um Leute zu handeln, deren möglicherweise brillante Argumente nicht auch noch durch Nachdenken honoriert werden dürfen. Hätte er den Begriff „nationalistische Intelligenz“ gewählt, dann hätte er für die Inszenierung seiner Enthüllung auf die Riege rechtsradikaler Vergangenheitsbewältiger zurückgreifen müssen, bei denen es nichts zu enthüllen gibt, weil sie seit Jahren unter Beobachtung stehen. Nein, Peter Glotz muß schon wirklich intelligente Leute nehmen, um sich nicht mit ihnen auseinanderzusetzen, sondern sie als Zeugen einer Tendenz zu nehmen, vor der es zu warnen gilt. Das Wort von der „nationalen Intelligenzija“ scheint Glotz da für hilfreich zu halten.

Auf jeden Fall war ich gespannt, welchen Typus Glotz meint und welche Namen er nennt. Doch der Autor läßt warten. Erst gegen Ende enthüllt er den Soziotyp der neuen Gefahr: Es sind „die Dünnhäutigen, Geschichtsbewußten, Komplizierten, Gebildeten und damit auch Selbstbewußten, Eitlen“. Erschrocken hält man inne. Ist das nicht das altbekannte Signalement des Zivilisationsliteraten, des zersetzenden Intellektuellen? Außerdem: Als Vordenker umgab ja Peter Glotz selber das Air eines dünnhäutigen, geschichtsbewußten, selbstbewußten, manchmal ein wenig komplizierten und manchmal auch etwas eitlen Intellektuellen. Es reichte jedenfalls, um dauerhaft den Milieuwiderstand der nordrhein-westfälischen Sozialdemokratie zu reizen. Kommt er nun als dickfelliger, geschichtsloser, simpler, angepaßter und biederer Vorwarner?

Verwirrt fragt man sich also, wer denn die Chargen dieser Enthüllungsgeschichte sein sollen. Glotz beginnt mit Enzensbergers Essay „Hitlers Wiedergänger“, bringt einen Satz von Wolfgang Pohrt und sieben Zitate von Karl Heinz Bohrer – auf diese drei Namen beschränkt er sich, um dann zu enthüllen: „Deutschland hat wieder eine intellektuelle Rechte.“ Enzensberger, Pohrt, Bohrer als ein neues unheilvolles Dreigestirn? Eine solche Enthüllung wäre früher im Gelächter untergegangen. Keines der insgesamt acht Zitate belegen die Behauptung, es gebe eine neue nationalistische Intelligenz. Warum Glotz nicht Brigitte Seebacher-Brandt zitiert, die ihm doch die Zitate liefern könnte, die er bei Enzensberger, Pohrt und Bohrer vergebens sucht, bleibt dabei sein Geheimnis. Bei Karl Heinz Bohrer klärt er das überraschte Publikum darüber auf, daß dieser sich nicht an den linken Konsens halte. Diese Entdeckung wird dem Herausgeber des Merkur sicher eine Stunde gelöster Heiterkeit verschaffen. Um es kurz zu machen: Weder gelingt es Peter Glotz, die neue nationalistische Intelligenz darzustellen, noch ihre Gefährlichkeit zu beweisen. Im übrigen kann er sich nicht entschließen, ob er vor ihr warnen soll, oder ob er sie warnen will. Insofern gibt es keinen Grund, sich aufzuregen. Allenfalls müßte man dem Berufswechsler zurufen, daß es auch für Kassandras ein paar Handwerksregeln gibt. Vorahnungen rechtfertigen es nicht, Beweisführung, Schlüssigkeit der Argumente und Sorgfalt bei der Begriffsarbeit außer Kraft zu setzen.

Aber Glotz’ Scheitern ist exemplarisch genug, so daß es sich lohnt, es nachzuzeichnen. Mit der großen Wende im Jahre 1989 hat er den Zwang zum mehrheitsfähigen Denken abgeworfen. Er denkt nun endlich minderheitsfähig. Das ist der sympathische Grundzug in seinem Buch „Der Irrweg des Nationalstaates“. Aber es scheint, daß er aus dem sozialdemokratischen Milieu ins Lager der „Soli-Gruppen“ geflohen ist. In einem Parforceritt wird – der Reihe nach – Enszensberger für „meschugge“ erklärt, wird die Golfkriegsdebatte abgefertigt, werden die Bellizisten beschimpft, die Philosemiten, wird die neue rechte Intelligenz entdeckt, wird die Raffinesse Karl Heinz Bohrers entlarvt, werden anklagend die Massaker des Golfkrieges zitiert, wird die lavierende deutsche Außenpolitik gleichzeitig kritisiert und verteidigt, wird die Solidität der bundesrepublikanischen Demokratie gepriesen, wird darauf hingewiesen, daß „ganz Osteuropa von einer ernsten ökonomischen Krise geschüttelt“ ist (welch ein Wort für eine welthistorische Umwälzung!), wird die Misere der Massenpartei SPD erwähnt, wird unbekannten Jugendlichen „beängstigende Unbefangenheit“ vorgeworfen, wird Berlin als Regierungssitz in Frage gestellt, werden eine neue Uno-Politik, eine neue KSZE gefordert, werden die „Normalisierer“ bekämpft, und und und. Glotz warnt, bekennt, suggeriert, schränkt ein, deutet an. Alle diese Themen sind Staffage, Wendemarken bei seiner Geisterfahrt durch eine selbstgebastelte Zeitgeistlandschaft. Jedes dieser Themen wäre einer essayistischen Erörterung wert. So aber läßt sich kaum räsonieren, weil mit diesen Themen nichts bewiesen, sondern nur Stimmung erzeugt wird: Es ist ein Pasticcio aus Unbehagen, Ärger, politischen Ideen, alten Überzeugungen und neuen Wahrnehmungen.

Peter Glotz reibt sich zwischen dem schlechten Neuen und dem guten Alten – wirklich kratzen läßt er sich nicht. Doch ich fürchte, diese Ungereimtheiten gehen heutzutage glatt durch. Schließlich leben wir nicht mehr im Zeitalter der neuen Unübersichtlichkeit, sondern in dem einer neuen Pauschalität. Hinter diesen Ungereimtheiten steht der Konsens. Das macht dieses Schreiben zum Fall. Konsens ist vor allem das rhetorische Muster, die Linke zu warnen, wenn neue Realitäten die alten Überzeugungen bedrohen. Es ist wahrlich die älteste linke Übung, ins Amt des Warners zu flüchten, wenn unangenehme Einsichten drohen. Und Glotz fühlt sich bedroht. Also gibt er einen Weckruf an die Linke von sich.