Hans-Dietrich Genscher, so war kürzlich zu lesen, „äußerte sich in einem Gespräch mit einer Illustrierten, das vom Auswärtigen Amt verbreitet, aber dann nicht von der Zeitschrift veröffentlicht wurde ...“ Man liest und stutzt. Zitate, bis hin zur FAZ, aus einem Phantom-Interview? Geschehen war folgendes: Der stern hatte kürzlich ein Gespräch mit dem Außenminister geführt, sich dann aber entschlossen, es nicht zu drucken. Nur muß er vergessen haben, dies dem Auswärtigen Amt mitzuteilen, das wohl das bestfunktionierende Pressereferat Bonns hat. Das Interview wurde also korrigiert im Wortlaut verbreitet. Die Bonner Journalisten schlachteten es weidlich aus.

Genscher verteidigte darin nämlich den Kanzler gegen seine Kritiker oder gegen die, „die mit ihrer Kritik an uns über Bande gegen den Kanzler spielen“ und noch beweisen müßten, „was sie besser können als der Bundeskanzler“. Ja, mehr noch: „Der Bundeskanzler und ich haben nach der Maueröffnung eine große Chance gehabt und sie gemeinsam genutzt. Das verbindet. Wir wissen beide von der Bedeutung unserer persönlichen Zusammenarbeit. Wenn das jemanden stört, der soll sich melden.“

Nicht nur, daß Genscher dezent an seinen Anteil erinnert. Zugleich deutet er an, daß die Kohl-Kritiker auch ihn treffen und das Bündnis auf diese Weise beschädigen. Obendrein freut sich Genscher, daß „Koalitionsaussagen immer weniger Bedeutung haben“. So steht er in Treue fest und sagt doch alles, was er sagen will, dieser Meister des Um-die-Ecke-Denkens. Ein Interview für jedes Archiv.

Es ist schon eine Schnapsidee, auf welche der Kreisvorstand der Bonner CDU gekommen ist. Mit einer Menschenkette am Rhein zwischen Koblenz und Köln soll dafür geworben werden, daß Bonn Regierungssitz bleibt.

Aber auch die Berlin-Lobby argumentiert im Hauptstadt-Streit leider nicht immer so wunderschön subtil lockend wie Jürgen Leinemann im Spiegel, der schrieb, in einer Hauptstadt Berlin stünden Weltliberalität und Selbstmitleidsprovinzialismus schön unpassend nebeneinander wie im richtigen Leben, „Bonn aber wäre nur nett“. In seiner „Kampf um die Hauptstadt-Geschichte ist der stern beispielsweise anders vorgegangen. Die Bilder sagen alles. Bonn: muffig und spießig. Berlin: frech und weltoffen. Da eine Straßenfete in Berlin mit jungen, fröhlichen Leuten, dort ein Schützenverein mit Trachtenanzügen und Traditionsfahnen in Bonn. Oder da die Damen der Bonner „Ilonka-Bar“, viel mehr als das, heißt es, habe die Stadt „zur Verlustierung der Politiker und Beamten nicht zu bieten“. Dort Berlin mit seinen „Lack- und Ledermädchen“, das mit „großstädtischen Varietes glänzt“. Wo der Streit auf solche Klischees reduziert wird, bleibt keine Wahl, das ist klar.

Hans-Dietrich Genscher schafft Fakten. Er hat schon mal die Villa des früheren amerikanischen Stadtkommandanten in Dahlem für sich, den Leitungsstab und das Pressereferat ausgespäht und will angeblich vor allem dort auch künftig seine ausländischen Gäste empfangen. Aber auch das Kanzleramt hat bereits ein Schmuckstück in Berlin für sich reserviert, das Kronprinzenpalais Unter den Linden. Der Run auf Berlin beginnt. In der CDU allerdings wird gebremst. Kurt Biedenkopf rät, die Entscheidung zu vertagen. Rita Süssmuth und Alfred Dregger plädieren für eine Konsenslösung. Berlins Regierender, Diepgen, hat entdeckt, die Verlagerung wäre wesentlich billiger als angenommen. Helmut Kohl wiederum ist sich sicher, der Umzug werde viel teurer als bisher erwartet. Das Geld dafür, resümiert Kurt Biedenkopf, brauche man anderswo dringender. Können diesen Streit wirklich die Abgeordneten per Abstimmung salomonisch und dauerhaft schlichten, oder wird nicht am Ende derjenige gewinnen, der die Parlamentarier subtiler oder brutaler lobbyiert? Gunter Hof mann