Von Hans Immler

BERLIN. – Alle sind für den Umweltschutz. Aber in der direkten Konfrontation zwischen ökonomischen Interessen und ökologischer Rücksicht bleibt die Natur zumeist zweiter Sieger. Das gilt für das Konsumverhalten des einzelnen genauso wie für die Produktionsbetriebe. Erst recht läßt es sich für die globalökologischen Konflikte wie Klimagefährdung, Gewässerbelastung, Bodenvergiftung oder Artenbedrohung feststellen.

Beim Umweltschutz hat sich in den vergangenen Jahren durchaus einiges getan: Das Bewußtsein der Menschen ist gewachsen, jeder Konsument erklärt seine Gutwilligkeit, und auch die Betriebe reagieren sensibler auf ökologische Argumente. Trotzdem ist noch kein Durchbruch erzielt.

Das Dilemma ist nicht lösbar, solange Natur und Ökonomie in einen Gegensatz gestellt werden. Genau an dieser Stelle aber hat sich die Ökologie-Diskussion in eine abenteuerliche Sackgasse manövriert. So glauben viele, daß der Natur nur dann geholfen werde, wenn man sie vor der Ökonomie schützt. Daher werden weniger Produktion, weniger ökonomisches Wachstum und weniger Naturaneignung gefordert. Die beste Lösung sei eine von der Industrie unberührte Natur. Das aber würde auch das Ende allen menschlichen Lebens bedeuten, weil menschliches Arbeiten, Produzieren und Konsumieren ohne Eingriff in die Ökosysteme überhaupt nicht denkbar sind. Arbeit und Leben sind immer Umwandlung von Materie. Ein Naturschutz, der auf den Gegensatz zur Ökonomie setzt, mag ökologischen Moralisten innere Befriedigung verschaffen, für die Gesellschaftspraxis dagegen wie für die Natur selbst bedeutet er eine große Gefahr.

Es ist deshalb höchste Zeit für einen Neuanfang der ökologischen Debatte: Das Verhältnis von Ökonomie und Natur muß neu bestimmt werden. Hierbei kommt es darauf an, die Gestaltung der Natur selbst zu einem vorrangigen wirtschaftlichen Ziel zu machen. Die ökologische Todsünde der modernen Industriegesellschaft besteht darin, daß zwar aller Reichtum aus der Natur gezogen wird, aber fast nichts für die Erhaltung der sprudelnden Wohlstandsquellen getan wird. Die Natur und ihr Reichtum werden außerhalb der Ökonomie gestellt, dagegen wird deren zerstörende Aneignung als Produktion von Werten betrachtet. So kann es kommen, daß unbemerkt Milliarden an Naturvermögen verlorengehen, um lediglich Millionen an Sozialeinkommen zu erzeugen.

Die industrielle Ökonomie bemißt und bewertet mit hoher Präzision die Gerätschaft, mit der sie auf Beutezug geht, aber sie kümmert sich nicht um die Erhaltung der Jagdgründe. Sie weiß viel vom Angler und seiner Angel und wenig von den Fischen.

Der einzige Weg aus der ökologischen Krise: Die Ökonomie muß sich der Natur annehmen. Das darf natürlich kein Freipaß für eine totale Naturunterwerfung sein. Vielmehr geht es um die praktizierte Einsicht, daß jedem Produkt und jedem erzeugten wirtschaftlichen Wert eine Leistung der Natur zugrunde liegt, ohne die das Wirtschaften nicht möglich wäre. So gesehen ist die Natur jene umfassende Wirtschaftskraft, an der wir alle Kriterien für Leistung, Effizienz und Wachstum zu messen haben.