Von Jürgen Krönig

London, im Mai

Am Rande einer Jahrestagung des internationalen Währungsfonds in Washington begegnete der damalige Schatzkanzler John Major auf einer Cocktailparty einer Astrologin. Er bat sie, ihm aus der Hand zu lesen. Major sei, so sagte sie, voller innerer Anspannung, obwohl äußerlich gelassen; er sei ein Perfektionist und ausgesprochen selbstkritisch, er liebe die Gefahr und die Herausforderung. John Major war beeindruckt; die Dame habe ihm Dinge gesagt, die nur er wissen könne. Monate später enthüllte die Astrologin etwas, was sie ihm vorenthalten hatte: Er werde, wenn er erst einmal sein Ziel erreicht habe, Enttäuschungen erleiden.

Vergangene Woche, noch vor dem miserablen Abschneiden seiner Partei bei den Kommunalwahlen, war dem Premier John Major, der in den letzten Wochen bisweilen dünnhäutig und verletzlich wirkte, ein unbedachtes Wort entschlüpft. Eigentlich, so offenbarte er Schülern, wäre er lieber Schatzkanzler geblieben. Worauf seine Kontrahenten von der Labour-Partei versicherten, man werde ihn bald von der Bürde des ungeliebten Amtes befreien. Die herben Verluste der Konservativen wurden von der jubilierenden Gegnerschaft als Zeichen dafür gewertet, daß Major nur ein kurzes Gastspiel in 10 Downing Street beschieden sein werde.

Die Euphorie der Oppositionsparteien ist auf den ersten Blick nur allzu verständlich. Beide, Labour wie Liberaldemokraten, haben zu Lasten der Tories jeweils rund 500 Sitze in Stadt- und Gemeinderäten dazugewonnen, nicht zuletzt im konservativen Herzland des englischen Südens. Besonnene Labour-Politiker aber gaben sich nach genauerer Prüfung des Wahlresultats keinen Illusionen hin. Selbst wenn die Bürger bei der nächsten Parlamentswahl genau so abstimmen würden, gewänne Labour keine absolute Mehrheit der Sitze im Unterhaus. Prozentual lag die Partei mit 36 Prozent nur um einen Prozentpunkt vor den Konservativen, die sich vom absoluten Tief des Jahres 1990 erholt haben. Bei all den Schwierigkeiten der Tories müßte Labour jedoch mit deutlichem Vorsprung führen.

Neil Kinnock und seine Reformer haben fast Übermenschliches geleistet, um ihre Partei vom ideologischen Ballast zu befreien. Der Parteichef hat sich, in weiser Einschätzung seiner begrenzten Ausstrahlungskraft, mit einem Schattenkabinett umgeben, in dem respektable Politiker wie John Smith, Brian Gould, Gordon Brown und Tony Blair sitzen. Überdies leidet Großbritannien derzeit unter ökonomischen Übeln, für die nicht nur Margaret Thatcher, sondern teilweise auch ihr Nachfolger die Verantwortung trägt: Die Inflationsrate liegt, wenngleich mit fallender Tendenz, immer noch bei acht Prozent. Tausende von Unternehmen gingen in diesem Jahr bankrott, pro Monat steigt die Zahl der Arbeitslosen um rund 100 000, und noch immer sind die Zinsen schmerzhaft hoch. Auch hat der Wähler den Konservativen die unselige Gemeindesteuer (Poll tax), jenes Symbol ideologischer Besessenheit der späten Thatcherjahre, so wenig verziehen wie die Experimente mit dem nationalen Gesundheitsdienst, der heiligen Kuh des britischen Wohlfahrtsstaates.

Darüber hinaus aber bietet das erstaunliche Comeback der Liberaldemokraten bei den Wahlen Labour gewiß mehr Grund zur Sorge als den Konservativen. Die Liberaldemokraten schneiden bei Kommunalwahlen stets besser ab als bei Parlamentswahlen. Ein Teil ihrer Wähler dürfte, nachdem sie den Tories einen Denkzettel verpaßt haben, wieder zu ihnen zurückkehren. Es ist unverkennbar, daß sich die Liberaldemokraten unter der Führung des energischen und telegenen Paddy Ashdown sichtlich erholt haben und dabei sind, an bessere Zeiten anzuknüpfen. Aber eine maßvolle Stärkung der Zentrumspartei war den Tories von jeher willkommen. Schließlich hatte Margaret Thatcher ihre Wahlsiege 1983 und 1987 nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, daß sich die antikonservativen Stimmen auf beide Oppositonspärteien verteilten.