Was steckt dahinter? Eben noch mußten wir uns Sorgen um die Zukunft der Leipziger Buchmesse machen, riefen uns ein munteres „Morgen in Frankfurt!“ zu – nun ziehen unvermutet über dem Main Gewitterwolken auf. In diesem Herbst werden gleich drei Verlagsgruppen auf der Frankfurter Buchmesse nicht vertreten sein: Herbert Fleissners Buchkonzern (zu dem neben dem Ullstein-Verlag noch rund zwanzig andere Unternehmen zählen), die Westermann-Gruppe und der Harenberg-Verlag.

Effekt macht diese Ankündigung, die gerade eben im Fachorgan Buchreport (das bei Harenberg erscheint) ausführlich propagiert wird, vor allem durch den Hinweis auf Leipzig. Man wolle den Frankfurter „Gigantismus“ nicht länger hinnehmen und unterstützen, heißt es.

Wer wird das nicht verstehen? Vor wenigen Wochen erst konnte man durch die zwei Messehäuser am Leipziger Markt streifen und sich der Überschaubarkeit dieser ganz anderen Buchmesse erfreuen. So muß es einmal – in den fünfziger Jahren – auch in Frankfurt gewesen sein! Seither ist die Herbstmesse dort von Jahr zu Jahr gewachsen. Man findet kaum noch, was man sucht, und sucht kaum noch, was man (mit Hilfe des dicken Katalogs: Halle 5, 1. Stock, Reihe G, Stand 134/136) dann endlich findet – weil man nämlich mittlerweile so viel anderes gesehen und so viele andere getroffen hat, daß man nicht mehr weiß, warum man gerade diesem Verlag einen Besuch abstatten wollte. Und erst die Schriftsteller! Sie sitzen in den Kojen und warten vergebens darauf, daß sie einer anspricht. Währenddessen werden die Lizenzen an ausländische Verlage verkauft.

Alles etwas gigantisch, schon richtig. Wer würde nicht gern die Uhr zurückdrehen. Und dennoch: Die Gewitterwolken über dem Main sind – um nicht im Bild zu bleiben – ein Sturm im Wasserglas. Der Anlaß für die drei Absagen nämlich ist vor allem in der Verärgerung über Umplazierungen zu suchen. Solche Standortfragen mögen wichtig sein, die eine oder andere Klage berechtigt – die Platznot wird immer zu Ungerechtigkeiten führen. Einzig der Verleger Fleissner (der schon einmal, 1968, Frankfurt ferngeblieben war – damals, weil ihm die Messeleitung keinen Schutz vor linkem Protest zusagte) verbindet seinen demonstrativen Abzug mit dem Hinweis auf die Attraktivität des Messeorts Leipzig. Ob er damit den Leipzigern einen Gefallen tut, ist allerdings die Frage.

Leipzig kann keine Alternative zu Frankfurt sein, nicht einmal Konkurrenz. Die Herbstmesse am Main ist eine internationale Fachmesse auf einer Fläche von mehr als 130 000 Quadratmetern, die Frühjahrsmesse an der Pleiße findet auf knapp 9000 Quadratmetern statt – nach Leipzig kamen in diesem Jahr rund 30 000 Besucher, nach Frankfurt im vergangenen Herbst gut 200 000. Unvorstellbar, daß etwa ein ehemaliger DDR-Verlag wie Aufbau aus Treue zur Messestadt Leipzig gerade jetzt auf eine Teilnahme in Frankfurt verzichten könnte. „Das wäre ein hanebüchener Entschluß!“ sagt Verlagsleiter Elmar Faber. „Frankfurt ist ein Weltplatz für unser ganzes Geschäft.“

Zudem: Die Demontage von Frankfurt wäre keine Hilfe für Leipzig. Die Ideen für eine attraktive Buchmesse im Frühjahr müssen von dort kommen. Die schlichte Vorstellung, sich vom üppigen Frankfurter Kuchen eine Scheibe abschneiden zu können, dürfte illusorisch sein; für eine zweite internationale Messe ist kein Bedarf. Im Frühjahr 1992 wird man sich, das steht nun fest, noch einmal in den Leipziger Messehäusern treffen. Dann, spätestens, muß ein Konzept her.

„Buchmesse. Der Unterschied zwischen einem Pferd und einem Autor: das Pferd versteht die Sprache der Pferdehändler nicht.“ So notierte Max Frisch 1970 nach einem Besuch in Frankfurt. Das wäre vielleicht eine Chance für Leipzig: die verlorenen Autoren aus ihren Frankfurter Kojen zu holen und die Frühjahrsmesse zu einer Messe der Literatur zu machen. Da würde man Frankfurt nicht viel nehmen, den Schriftstellern aber viel geben. Und Leipzig wäre nicht verloren.

Volker Hage