Von Nikolaus Piper

Folgt man dem Ökonomen Joseph Schumpeter, dann ist Adam Smith’ "Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Wohlstands der Nationen" das erfolgreichste wissenschaftliche Buch, das die Welt je gesehen hat. Das 1776 veröffentlichte zweite Hauptwerk des schottischen Klassikers der Nationalökonomie teilt diesen Rang nur noch mit der "Entstehung der Arten" von Charles Darwin. Ähnlich wie bei anderen einflußreichen Büchern – dem "Kapital" von Karl Marx etwa oder der Bibel – stimmt beim "Wohlstand der Nationen" allerdings der tatsächliche Inhalt nur bedingt mit dem überein, was die Öffentlichkeit dafür hält.

Das Folgenreichste an Adam Smith’ Werk war wahrscheinlich eine Metapher – jenes berühmte Bild von der "unsichtbaren Hand", die das eigennützige Handeln der Menschen so lenkt, daß diese am Ende, ohne es zu wollen, dem Gemeinwohl dienen: "Wenn ... jeder einzelne soviel wie nur möglich danach trachtet, sein Kapital zur Unterstützung der einheimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und dadurch diese so lenkt, daß ihr Ertrag den höchsten Wertzuwachs erwarten läßt, dann bemüht sich auch jeder einzelne ganz zwangsläufig, daß das Volkseinkommen im Jahr so groß wie möglich werden wird. Tatsächlich fördert er in der Regel nicht bewußt das Allgemeinwohl, noch weiß er, wie hoch der eigene Beitrag ist... Er strebt lediglich nach eigenem Gewinn. Und er wird in diesem, wie auch in vielen anderen Fällen, von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat." Soweit die fragliche Stelle aus dem "Wohlstand der Nationen".

Vor allem auf Grund dieses Zitats hat sich das völlig unzutreffende Bild von Adam Smith als dem geistigen Ahnherrn des Manchester-Kapitalismus und des Laisser-faire verfestigt. Dagegen gewinnt die Adam-Smith-Forschung bis zum heutigen Tage einen wesentlichen Teil ihrer Motivation aus dem Bemühen, dieses Bild zu widerlegen und zu zeigen, daß Adam Smith "anders" war – komplexer, sozialer und vor allem viel interessanter. Jüngster Anlaß für den Wissenschaftsbetrieb, sich des Ahnherrn der Nationalökonomen anzunehmen, war der 17. Juli 1990, der 200. Todestag von Adam Smith. Im Nachklang zu diesem Jubiläum sind nun eine ganze Reihe neuer Interpretationen seines Werks erschienen.

"Der andere Adam Smith" heißt bezeichnenderweise eine Aufsatzsammlung aus der Reihe der St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik. Deren Herausgeber – Peter Ulrich, Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Hochschule St. Gallen, und Arnold Meyer-Faje, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Bremerhaven – wollten nach eigenem Bekunden "die ganzheitliche Spannweite der Smithschen Lehre neu vermessen". Der Klassiker Smith habe "in den Rhythmen des Zeitgeistes in der Moderne immer Konjunktur gehabt"; und in diesem Sinne versuchen die beiden Ökonomen, Smith für den heutigen Zeitgeist nutzbar zu machen, namentlich für die Suche nach einem ethischen Fundament wirtschaftlichen Handelns.

Der Versuch ist naheliegend, denn tatsächlich war Adam Smith Moralphilosoph und Ethiker, nicht jedoch professioneller Nationalökonom. Von 1751 bis 1763 unterrichtete er als Professor für Logik und Moralphilosophie an der Universität Glasgow. In dieser Zeit enstand die "Theorie der ethischen Gefühle", das erste Hauptwerk, in dem er die Grundlagen seines philosophischen Systems entwickelt. Ohne diese Grundlagen ist der "Wohlstand der Nationen" zumindest leicht mißzuverstehen. Die Grundfrage des Moralphilosophen lautet: Wie wird eine zivilisierte Gesellschaft freier Menschen zusammengehalten? Die Antwort: Dadurch, daß die Menschen verschieden und daß sie aufeinander angewiesen sind. Ein Faktor dabei ist die "Sympathie", bei Smith die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen und dessen Gefühle hineinzuversetzen. Die zweite Kraft ist der "unparteiische Zuschauer", eine Art gesellschaftliches Über-Ich, das im Gewissen jedes einzelnen sozial gerechtes Handeln durchsetzt. Der dritte Faktor schließlich ist die Neigung der Menschen zum Tauschen und Handeln.

Erst vor diesem Hintergrund erhält das Bild von der "unsichtbaren Hand" seinen Sinn. Peter Ulrich vertritt in seinem Aufsatz sogar die gevagte, aber interessante These, die "unsichtbare Hand" sei gar nicht die große "Entdeckung" Smith’, sondern im Gegenteil die "Schwachstelle" in seinem System.