Göttingen

Die Recherche begann bei Helga-Maria Kühn, der Direktorin des Göttinger Stadtarchivs. Sie verstehe eigentlich nicht, warum sich eine seriöse Zeitung dieser Sache annehme, sagte sie gleich, sie habe gehört, daß sich auch Bild und RTL für diesen Fall interessierten. Sie wolle dennoch helfen, Licht ins Dunkel zu bringen.

Öffentlich wurde „der Fall“ durch einen Bericht im Göttinger Tageblatt. Am 20. April 1991 hieß es im Lokalteil: „Schützen in Not – ihr Buchautor ist weg.“ Das Tageblatt enthüllte, daß die Bürgerschutzgesellschaft, kurz BSG, ihrer Geschichte beraubt zu werden drohte, teilweise jedenfalls. Vom Täter fehlte jede Spur.

Frau Kühn konnte mit Details aufwarten, so zum Beispiel, daß der Gesuchte zwischem dem 7. November 1988 und dem 29. September 1989 regelmäßig ihr Archiv aufgesucht hatte. Anhand ihrer peinlich genau geführten Benutzerblätter konnte sie feststellen: 1988 war der Mann 21 mal im Archiv gewesen, 1989 sogar 37mal. Hier also hatte er gesessen, Akten gewälzt, in Chroniken gestöbert und Exzerpte verfaßt.

Am 1. Oktober 1988 war der Gesuchte, ein seit Jahren arbeitsloser Geschichtslehrer, von der Bürgerschützengesellschaft angeheuert worden. Für das 1992 anstehende Jubiläum zum 600jährigen Bestehen der Schützengesellschaft sollte er eine Festschrift schreiben, wie sie die geschichtsträchtige Universitätsstadt noch nicht gesehen hatte, mit wissenschaftlichem Anspruch, 600 Seiten stark – kurzum: die Geschichte des Vereins, von 1392 bis zur Gegenwart. Über ein Jahr lang hatte der Historiker seinem Auftraggeber jeden ersten Dienstag im Monat mündlich Bericht über den Stand seiner Forschungen erstattet.

Nun ist die BSG nicht irgendein x-beliebiger Verein. Sie ist Dach für sechzehn Göttinger Schützenvereine, zählt stolze 1300 Mitglieder – darunter nicht wenige Honoratioren –, und wichtig für ihre Würdigung ist auch, daß der Oberbürgermeister und der Oberstadtdirektor ihre Verantwortung für das Schützenwesen alljährlich als Schützenherren des Schützenfestes wahrnehmen. Das Entscheidende aber ist: Die Bürgerschützengesellschaft ist eine der ältesten Schützenvereinigungen Deutschlands, weshalb sie ihren 600. Geburtstag mit noch mehr Pomp und Prominenz als sonst feiern will.

Doch es drohte die großen Blamage, ein Fest ohne Festschrift: Der designierte Autor war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. „Untergetaucht“ sei er, berichtete das Tageblatt am 20. April, ein Jahr nach dem rätselhaften Verschwinden des Historikers und beschrieb die „verzweifelte Suche“ nach dem Mann, der neben seinem Wissen über das Schützenwesen auch Unterlagen der Schützengesellschaft mit in den Untergrund genommen habe. Der oberste Schütze Göttingens, Oberschaffer Bernd Kerschnitzke, suchte sogar die Eltern des Vermißten in Salzgitter auf, doch nachdem er ohne Ergebnis zurückgekehrt war, ging er zum Anwalt des Vereins, einem Schützenbruder. Und der erstattete im März 1990 bei der Staatsanwaltschaft Anzeige wegen Betrugs. Denn außer der Aufarbeitung der BSG-Vergangenheit war auch viel Geld flötengegangen: Das Arbeitsamt hatte für den Mann eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (60 000 Mark) eingerichtet, der Verein war dafür ans Ersparte (12 000 Mark) gegangen und auch die niedersächsische Sparkassenstiftung hatte viel Geld (50 000 Mark) für den Druck der Festschrift, die ein richtiges Buch werden sollte, versprochen.