In Greifswald schwindet das Interesse an neuen Kernkraftwerken

Von Fritz Vorholz

Am Ende sind alle überrascht. Trotz des brisanten Themas: kein lauter Wortwechsel, keine Beschimpfungen. Nach anderthalb Stunden wird ein zweites Treffen vereinbart, ohne eine Spur von Feindseligkeit. "Die meisten in der Stadt sind hin- und hergerissen", sagt eine junge Frau. Was die Menschen bewegt, ist die Frage, ob Greifswald auch in Zukunft mit der Atomtechnik leben soll.

Auf der einen Seite des langen Tisches sitzen die Vertreter der Bürgerinitiative, auf der anderen Seite ist die Delegation des Betriebsrates. Die einen sorgen sich um die Gesundheit und die Sicherheit der Bürger, die anderen haben Angst um ihre Jobs. Es geht um den alten Streit: Arbeitsplätze gegen Umweltschutz.

Greifswald liegt an der Ostsee in Vorpommern. Vor den Toren der Stadt steht das größte Atomkraftwerk der ehemaligen DDR. Bis zu zwölf Prozent des Ost-Stroms kamen einst aus den vier Reaktorblöcken. Und vier weitere waren im Bau. Nach den Plänen der SED sollte hier eines der größten Nuklearzentren der Erde entstehen.

Doch seit Ende vergangenen Jahres kommt keine Kilowattstunde Strom mehr aus den Meilern. Wegen gravierender Sicherheitsmängel ließ der Bonner Umweltminister Klaus Töpfer die Kernkraftwerke abschalten. Nun bewegt die Einheimischen eine Frage ganz besonders: Was wird aus ihren Arbeitsplätzen? Braucht Vorpommern bessere, westliche Meiler? Und ist der noch vage Plan der westdeutschen Stromriesen, in Greifswald neue Reaktoren hochzuziehen, ein Hoffnungssignal oder eine Hiobsbotschaft?

Sympathien verspielt