Vor dem Reichstagsgebäude schieben jetzt Bulldozer Erdhaufen zusammen, stapeln Bagger aus dem Boden gerissene Granitplatten, die Baustelle ist eingezäunt. Aber – was war denn hier falsch an diesem steinernen Vorfeld, an den breiten Pflasterstreifen aus alten Berliner Gehwegplatten, die ganz unabgezirkelt in das große Rasenfeld vor der Freitreppe des Reichstages übergingen? Frage im Reichstag: Warum wird der Platz der Republik denn umgepflügt, was soll der Unfug? – Na, Sie wissen doch, am 18. und 19. Juni soll hier die KSZE tagen, da muß es gepflegt zugehen: Rasen anstelle der alten Granitplatten, rechts und links eine neue Lindenallee und eine Taxushecke als Begrenzung.

Also Rasen und Rabatten, Bonner Biedermeier, Hofgarten statt Platz der Republik? – Mann, sei’n Sie doch bloß vorsichtig! Am 20. Juni stimmt der Bundestag in Bonn über die Hauptstadtfrage ab. Der tagt nächste Woche hier vorher noch mal im Reichstag. Wenn jemand Sie hört! Lassen Sie sich auf Ihre Solidarität ansprechen, bei Ihrem Portepee als Berliner packen!

Tja, da komme ich aus dem Reichstag und bin hin- und hergerissen zwischen Portepee und Protest, zwischen Pflicht als Berufsberliner und Ärger als Berlinbewohner. Als Portepeeberliner sehe ich schon die Zukunft von Berlin-Brandenburg die Spree runtergehen, wenn ich jetzt – kurz vor der Abstimmung über die Hauptstadtfrage – noch zersetzend kritisiere, etwa im Vorfeld den Reichstag beschmutze; doch als Berliner an und für sich frage ich mich, was von Spree-Athen übrigbleibt, wenn wir die Stadt – brav und vorauseilend gehorsam – verniedlichen. Bäume können nie schaden, auch nicht als Lindenallee, denke ich als Portepeeträger. Als Protestler finde ich die 2,6 Millionen Mark fehl am Platz, die hier für die Verhübschung verplant werden. Zweieinhalb Millionen Mark!

Friede, Freude, Blumenwiese zwischen Reichstag und Entlastungsstraße wird vom Portepeeträger in mir verlangt.

Das Granitpflaster war wohl zu öffentlich, hatte wohl zuviel Aufforderungscharakter, protestiert mein kritisches Gegen-Ich: Macht Rasen draus, den könnt ihr dann mit Schildern schützen: BETRETEN VERBOTEN!

Richtig: Fußballspiel und Fleischgrill stören auf dem Reichstagsvorplatz doch schon seit Jahren! Wenn es denn der Repräsentation und dem Wohlbefinden der Volksvertreter dient, warum sollen wir da nicht auf dem Platz der Republik einen grünen Türken bauen?

Enttürken, meinst du wohl, und dann mit den Spielern und Grillern auch gleich den DGB samt sonstigen Demonstranten vom Platz schaffen