Von Ernst Engelberg

Es war gut und nützlich, im Bismarckjahr 1990 eine Biographie Andrässys herauszubringen, des deutschen Reichskanzlers „Mitstreiter“, wie es im Untertitel der Biographie Tibor Simänyis mit einigem Recht heißt. Damit erfüllte der Autor ein publizistisches Bedürfnis, das seit Jahrzehnten auf Erfüllung wartete, denn die letzte dreibändige Andrässy-Biographie des Budapester Historikers Eduard von Wertheimer erschien in ungarischer und deutscher Sprache bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Im Dezember 1918, in den Wirren des Zusammenbruchs der österreichisch-ungarischen Monarchie, steckten tschechische Legionäre das Schloß der Familie Andrässy in Brand und vernichteten damit das von Wertheimer benutzte Familienarchiv. Das entmutigte die Historiker lange Zeit, die Arbeit an einer weiteren Andrässy-Biographie aufzunehmen.

Bis zum Höhepunkt seines politischen Wirkens als Außenminister des Habsburgerreiches in den siebziger Jahren lag vor Andrässy ein langer, streckenweise gefährlicher Weg. Geboren im März 1823 in Kaschau, im ungarischen Oberland, war Gyula (Julius) Graf Andrässy Sproß einer alten, wohlhabenden Großgrundbesitzerfamilie, die sich der neuen Zeit schon insofern aufgeschlossen zeigte, als sie den von Lajos Kossuth gegründeten, für die Entwicklung der ungarischen Industrie eintretenden „Schutzbund“ unterstützte. Kossuth stand der Familie auch als Rechtsberater nahe. Nicht verwunderlich also, daß sich der junge Julius Andrässy 1848 vom ungarischen Freiheitskampf hinreißen ließ und in der Honvéd-Armee seinen Mann stand, so bei einem bravourösen Gefecht in Schwechat bei Wien. Als Kossuth, in Konsequenz seiner Politik der Herauslösung Ungarns aus dem Habsburgerreich, ein diplomatisches Korps bilden wollte, ernannte er den jungen Andrässy zu seinem Vertreter bei der Hohen Pforte in Konstantinopel; von dort aus emigrierte dieser nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes nach London und schließlich nach Paris.

Mit guten Gründen hat der Autor den späten Vormärz und die Revolutionszeit von 1848/49 ausführlich behandelt. Waren es doch Schicksalsjahre der europäischen Geschichte, die auch für Andrässy zu einem politischen Grunderlebnis wurden. Er, den die habsburgischen Rächer in contumaciam, in Abwesenheit, zu Tode verurteilt hatten und in effigie, bildlich also, henkten, kam in der Emigration bald zu der Ansicht, daß die Unabhängigkeit Ungarns nicht mehr durch eine radikaldemokratische Revolution zu erreichen sei, sondern nur noch durch einen historischen Kompromiß mit jener Monarchie, die die ungarischen Patrioten eben noch mit Waffengewalt bekämpft hatten. Andrässy vollzog daher die politische Trennung von Kossuth und betrieb die Annäherung an die herrschenden Gewalten des Habsburgerreiches. Ein nationalpolitischer Ausgleich schien um so aussichtsreicher, als die Industrialisierung auch in Ungarn Fortschritte machte. Im Jahre 1857 war es soweit, daß der „Insurrektionsflüchtling“, nun bereits standesgemäß verheiratet, mit der Zusicherung der Begnadigung aus der Emigration heimkehren konnte.

Die ab 1859 einsetzenden Einigungskriege und sozialen Volksbewegungen zwangen die Anhänger der ungarischen Reformpartei unter Ferenc Deäk und Julius Andrässy zur „Suche nach dem Ausgleich“ mit der Habsburgermonarchie, wie ein langes Kapitel der Biographie heißt. Der Autor kennzeichnet auf seine Weise das 1866 aufgekommene Schlagwort von der „Revolution von oben“, das sich später zum wissenschaftlichen Begriff verdichten sollte. Den inneren Widerspruch der europäischen Staatenwelt erkennend, stellt er fest: „Einerseits war sie konservativ, genauer, jedem revolutionären Gedanken abhold, ja feindlich. Andrerseits verwirklichte sie, Schritt für Schritt, sozusagen ‚auf absolutistische‘ Weise, die Postulate von 1848. ... Die (habsburgische) Monarchie mußte sich in die Staatenwelt einfügen, wollte sie als Großmacht bestehenbleiben. Auch hier ein sonderbarer Widerspruch: durch den unfreiwilligen Verlust der italienischen Hoheitsgebiete und des Einflusses in Deutschland, gleichsam zweier Ballaste, gestaltete sich die Verständigung zwischen den Deutschösterreichern und Ungarn leichter.“

In der Tat: Deäk, der den mittleren und niederen Adel vertrat, und Andrässy, der liberal gesinnte Hochadlige, erreichten den gesuchten Ausgleich im Jahre 1867. Der Biograph beschreibt, nicht ganz frei vom Kult um die „heilige Stephanskrone“, die Budapester Feierlichkeiten, als Franz Joseph, der Kaiser des habsburgischen Gesamtreiches, zum König von Ungarn gekrönt wurde. Damit war die k. und k. Monarchie gegründet, die trotz aller feudaler Prunkentfaltung eine Folgeerscheinung der Bismarckschen „Revolution von oben“ war. Andrässy wurde Ministerpräsident des ungarischen Teilstaates und schon von den historischen Begleitumständen her zu Bismarck und zu einer Politik der Neutralität in dem herannahenden Deutsch-Französischen Krieg gedrängt.

Merkwürdig: Der Biograph, der den österreichisch-ungarischen Ausgleich als Fortschritt im Sinne der nationalrevolutionären Epoche von 1789 bis 1871 treffend kennzeichnet, neigt dazu, die deutsche Reichseinigung mit ihren Folgeerscheinungen ausschließlich als „fatal“ und „verderblich“ anzusehen. Hier zeigt sich eine durch Vorurteil bedingte Inkonsequenz des Denkens.