Der Eier-Tumult von Halle bestätigte dramatisch, was man schon vorher wußte: Die Sicherheitslage in den neuen Bundesländern ist prekär. Der mangelhafte Schutz für Helmut Kohl wurde am Bildschirm augenfällig. Verborgen bleiben die Erlebnisse dunkelfarbiger Ausländer, die auf offener Straße terrorisiert werden, ohne daß die Polizei eingreift, und die Erfahrungen von Asylbewerbern, die in panischer Angst um ihr Leben in die alte Bundesrepublik fliehen. Von unbehindertem Hooliganismus wird nahezu täglich berichtet. Der Nachholbedarf ist enorm: Auch im Osten hat jedermann Anspruch auf Sicherheit – die Ausländer, die Deutschen, auch der Kanzler.

Halle läßt jedoch außer nach der Sicherheitslage auch nach der Befindlichkeit Helmut Kohls fragen. Gewarnt, daß nicht nur Sympathisanten auf ihn warteten, wollte er sich das Winken und Händeschütteln nicht nehmen lassen. Was daraus wurde, ist bekannt. Kohl stürmte, sichtlich außer Kontrolle, auf eine zum Teil aggressiv gestimmte Menge zu: allein gegen den Pöbel. Manche feierten das hinterher als Mut. In Wahrheit offenbart Kohls Sturm in den Eierhagel erschreckende Gefahrenblindheit. Gerade in Streßsituationen aber erwartet man vom Kanzler Selbstkontrolle, bei allem Verständnis für seinen Zorn. Sollte die Gelassenheit, die er sonst zur Schau trägt, doch nur Fassade sein? wap