Und Werder blüht doch. Alle Blütenträume konnten Frost und Frust nicht kaputtmachen. Die neuen Politiker besannen sich auf alte Bräuche. Die Reichsbahn setzte Sonderzüge ein, die Weiße Flotte Sonderdampfer. Werder feiert und mit ihm die angereisten Berliner. Überall im Ort, in Gaststätten und Privathäusern, wird der selbstgemachte Wein aus Früchten vom vergangenen Sommer, dem letzten der DDR, ausgeschenkt.

Wir sitzen in einem Garten, der uns nicht gehört, und trinken Erdbeerwein. Für ein paar Stunden tun wir so, als hätten wir die blaue Blume gefunden, von der uns Professor Dahnke in seiner Romantik-Vorlesung an der Humboldt-Uni einst erzählte. O Müßiggang, wie bist du schön, rief er aus, wofür er frenetisches Klopfen erntete. Lang, lang ist’s her. Heut’ rennen wir mit den Wettlauf, den nur gewinnt, wer seine Ellbogen gebraucht und möglichst noch die Fähigkeit entwickelt, behende über die Gestrauchelten hinwegzuspringen.

Längst haben wir uns dem neurotischen Zwang zur Aktivität ergeben, der uns jeden Morgen aus dem Bett und in die Arme der neuen Zeit treibt. Stillstand ist das Aus, Bewegung ist alles, und sei es nur die Bewegung der Ratte auf dem Rad im Käfig. Nicht umsonst wurden all jene sinnlosen Bewegungsapparate erfunden, mit denen man seine freie Zeit ausfüllt und dennoch auf der Stelle tritt, Hometrainer, Laufbänder, Instrumente, die uns suggerieren sollen, daß wir etwas leisten. Ersatz für Erfolg oder bereits seine erste Stufe?

Renate Rauch in „Freitag“