Von Horst Bieber

Der Sendero Luminoso, mit "Leuchtender Pfad" nicht korrekt übersetzt, aber so in den Alltagsgebrauch übergegangen, bestimmt seit einem Jahrzehnt die Innenpolitik Perus. Viele Bezeichnungen treffen auf diese Bewegung mehr oder minder zu: Guerilla, links, maoistisch, terroristisch, ländlich orientiert, antistädtisch, den Ureinwohnern des Landes eher verbunden als der weißen Oberschicht, theoriegelenkt, aber zugleich unberechenbar, antimodernistisch, antireformerisch, in manchen Verhaltensformen aber auch antirevolutionär. Sie hat Vorbilder, Mao etwa, aber verletzt fundamentale Prinzipien der chinesischen Kommunisten. Sie übt großen Einfluß auf bestimmte Kreise der peruanischen Intelligenz aus, hat aber wenig Hemmungen, linke Intellektuelle zu ermorden. Sie erinnert in vielen Formen an die Roten Khmer, kennt aber die Berufung auf die – in der Tat – ausgebeuteten Ureinwohner und die eigene Geschichte nicht. Sie rekrutiert vornehmlich Jugendliche, die in der Revolution die einzige Chance sehen, ihre soziale Misere zu überwinden, zerstört aber gleichzeitig Infrastruktur-Einrichtungen, die den Ärmsten, den indianischen Bauern in den Anden, nützen. Sie scheint es darauf abzusehen, wie der Fisch im Fluß der Massen zu schwimmen, terrorisiert aber eben jene ländliche Bevölkerung.

Hertoghe und Labrousse haben ausführlich und gründlich alle jene Elemente zusammengetragen und aufbereitet, die den Sendero ausmachen. Zum Schluß haben sie jedoch darauf verzichtet, die widersprüchlichen Facetten zu erklären. Das enttäuscht den Leser, trotz eines Nachworts des Verlages, das sich an einer solchen Interpretation versucht. Aber wahrscheinlich hilft eben jene Unvollkommenheit, die Schwierigkeiten zu verdeutlichen, die sich bei einer Auseinandersetzung mit den Senderistas ergeben.

Deswegen ist auch der Titel etwas plakativ. Natürlich arbeiten die Senderistas mit den Koka-Bossen Perus und Kolumbiens zusammen, das ist so neu nicht. Schneller und leichter kann eine Untergrundbewegung in Lateinamerika das nötige Geld nicht "verdienen". Sie aber auf eine Verbrecherorganisation zu reduzieren (die sie auch ist) führt in die Irre.

Die Autoren listen die verschiedenen Elemente auf, die das Entstehen des Sendero begünstigten. Da ist einmal die fürchterliche doppelte Teilung des Landes: hier die Weißen, dort die Indios, dazwischen die Mestizen, die trotz ihres großen Anteils an der Bevölkerung Mühe haben, eine Identität zu finden. Dann die geographische Trennung: die Städte an der Küste auf der einen Seite, die eisig kalten Andengebiete und glühend heißen Urwaldniederungen auf der anderen. Und zum Schluß die historische Differenzierung: die Opfer mit ihren alten Wert-, Sozial- und Religionsvorstellungen (und einer Sprache, die von der tonangebenden Minderheit nicht verstanden wird), die Herrschenden, die sich christlich nennen, aber die Barmherzigkeit ebenso vergessen haben wie das Wort, daß alle Menschen Gottes Geschöpfe sind.

Peru hat nicht eine Gesellschaft, sondern viele Gesellschaften, die nebeneinander herleben. Und nie ist ernsthaft versucht worden, diese Gesellschaften zu integrieren, sie zu einem peruanischen Volk, einem wenigstens annähernd homogenen Staatsgebilde zu verschmelzen.

Das hat für jede Revolutionstheorie praktische Folgen. Der Gegner ist noch leicht auszumachen: die herrschende Klasse samt dem ihr dienenden Sicherheitsapparat. Doch bei den Zielen brechen die Widersprüche auf: Die Indios stellen sich das "Paradies" auf peruanischer Erde anders vor als die mit ihnen lebenden Weißen oder Mestizen, die Stadtbewohner verfolgen andere Prioritäten als die Landbewohner, und untereinander sind sich die Stadtbewohner – hier die arbeitslose Bevölkerung der Slums, dort die kleinbürgerlichen Schichten – völlig uneins.