Von Petra Kipphoff

Das Herausragende von Bakersfield, Kalifornien, sind die auf hohen Stelzen stehenden Schilder, die den Autofahrer vom Highway weglocken wollen: Denny’s, McDonald’s und The Colonel’s Chicken winken da und laden ein zum wohlbekannten Mahl. Im Hotel "Red Lion", einem weitverzweigten Bau im Flachland-Shopping-Center, steht am Empfang das große goldgerahmte Farbportrait von "Miss Kern County 1991". Bakersfield, 160 Kilometer nördlich von Los Angeles mitten im flachen Land gelegen, ist die Hauptstadt von Kern County und, so sagt es der Prospekt, eine der am schnellsten wachsenden Städte in den USA. Öl oder Landwirtschaft, das ist hier die Frage. Im Stockdale Country Club, einem Stückchen England am Rande der Stadt, haben die Lakes, Fabrikbesitzer in Bakersfield, zum Empfang und Abendessen eingeladen für Christo, der im Oktober im Grenzgebiet von Kern County und Los Angeles County sein "Umbrellas"-Projekt starten, sein neues "Kunstwerk auf Zeit" aufbauen, aufspannen wird: Genau 1760 große sonnenblumengelbe Schirme werden dann aus den Flächen von Kern County emporschießen, über den Tälern und Höhen von Los Angeles County aufgehen, sich über den Tejon Paß schlängeln, der knapp 1400 Meter hoch ist. Und gleichzeitig werden in Ibaraki, einem Küstengebiet nördlich von Tokio, 1340 aquamarinblaue Schirme über japanischen Reisfeldern aufgespannt.

Rund fünfzig Menschen stehen in der Halle des Country Clubs freundlich herum, die Damen aus Bakersfield haben sich feingemacht. "Mucho denero", sagt ein Mann, der das Eis im Whiskyglas kreisen läßt und dabei die europäischen Besucher über die gesellschaftlichen Verhältnisse aufklärt. Viel Geld, wohl wahr, auch wenn es in der großbäuerlich kleinbürgerlichen Gesellschaft, die sich an diesem Abend wohl zum erstenmal mit einem Künstler und seiner Entourage vermischt, nicht sichtbar wird. Aber wer, wie die Lakes, in Kalifornien Bewässerungsanlagen produziert, kann einfach nicht arm bleiben; zur Zeit werden in einer ihrer Fabrikhallen die 3100 gelben und blauen Schirme montiert; die Einzelteile und Materialien kommen aus Amerika, Kanada, Japan und Deutschland. Und der Landbesitzer, auf dessen Grund die meisten Schirme versammelt sein werden, hat so viel Geld, daß es aktiengesellschaftlich sortiert ist: Die Times Mirror Corporation (zu der, unter anderem, die Los Angeles Times und der New Yorker Abrams Verlag gehören) ist Besitzerin der Fort Tejon Farm, deren 6000 Rinder (vor der jahrelangen Dürre war die Zahl doppelt so groß) durch im Land verstreute Häuser, eine Schule, einen Laden mit Postamt, eine Kirche und eine Polizeistation zu einer Adresse namens Lebec komplettiert werden. Hier hat Christo einen Bungalow der Times Mirror Corporation gemietet, in dem das kalifornische Büro des "Umbrella"-Projekts untergebracht ist. Tom Golden, der seit dem "Running Fence", Christos erstem Werk in und mit der kalifornischen Landschaft, alle Projekte betreut und seine eigene Baumschule immer seltener gesehen hat, arbeitet hier mit vier bis sechs Helfern, die im Büro ebenso funktionieren wie als Jeep-Fahrer. Hinter dem Bungalow liegt ein erster gelber Schirm im grünen Gras neben seiner Verankerung. Ungefähr 400 Pfund schwer, sechs Meter lang und mit einer Stoffmenge umwickelt, die sich im Oktober zu einer Fläche von fast neun Metern Durchmesser ausspannen wird, sieht er jetzt aus wie eine Boje an Land.

Am Nachmittag sind wir mit dem Jeep durch die Felder, durch die Auen oder auch über Stock und Stein, Staubwolken produzierende Sandwege, bergauf und bergab gerumpelt. Christo sitzt hinten im Wagen, aus Sicherheitsgründen. Jeanne-Claude, seine Frau, Managerin und Präsidentin der "The Umbrellas, Joint Project for Japan and U.S.A. Corporation", gibt entsprechende Anweisung beim Einsteigen und reicht eine Flasche Wasser hinterher, gegen die Hitze. Christo selber hat das ganze Gebiet mehrfach durchfahren und durchwandert, ehe er im Herbst 1988 auf einer Strecke von gut zwanzig Kilometern die Stellen markiert hat, an denen ein Schirm gepflanzt werden soll.

Alle paar Kilometer springen wir aus dem Jeep, sehen hier und dort ein Stöckchen mit Band, das im Oktober durch einen Schirm ersetzt werden wird, gehen mit Landvermesserschritt durch das Gelände, folgen mit den Augen Christos weit ausgestrecktem Arm und sehen, beflügelt durch seine aufgeregt präzisen Beschreibungen, bereits jetzt das geballte Gelb auf dem gegenüberliegenden Hang, die Tupfer in der Tiefe, die zwei Schirme auf der anderen Seite des Highway, die beiden Girlanden, die sich an zwei, durch den Highway getrennten Seiten eines Hügels herunterziehen und am Park- und Picknickplatz treffen werden. Hier werden die Schirme zu einem großen Beet anwachsen, dort die Faltungen des Geländes nachzeichnen, neben der Tankstelle auch die Durchfahrt eines Lastzuges nicht behindern, der Polizeistation ein Glanzlicht aufsetzen.

Wieder einmal hat Christo es geschafft, wieder einmal ist sein Projekt noch komplizierter, noch größer, noch kostspieliger als das vorige. Wieder einmal ist Christo, seit der Entscheidung für die "Umbrellas" und den ersten Zeichnungen von 1984, Tausende von Kilometern geflogen und gefahren, hat Hunderten von Menschen die Idee dieser Arbeit geduldig erklärt, sie zur Mitarbeit bewogen, zur zeitweisen Überlassung ihres Landes überredet, hat mit Bauern verhandelt und mit Beamten, mit Ingenieuren und Ökologen, hat mit Politikern gesprochen und vor Landgemeinden und Studenten. "Ich kann mir für diese Arbeit keinen PR-Agenten nehmen, diese Mitarbeit an meiner Arbeit muß ich selber aufbauen", sagt Christo, der am Vortag aus Japan angekommen ist, am nächsten Morgen in der Schule von Bakersfield sprechen wird und zwei Tage später in Santa Barbara.

Es gibt wohl kaum einen anderen Künstler, der mit seiner Arbeit, der mit der Kunst so nah an so viele Zeitgenossen der unterschiedlichsten Herkunft herangekommen ist wie Christo. Ein Phänomen, das sich dadurch erklärt, daß er zunächst kein Publikum sucht, sondern Teilnehmer, daß er weder Kunstwerke verkauft noch eine Ideologie, sondern seine Idee erklärt und die Menschen hineinzieht.