Von Dieter Jacobi

Es geht um unser Frühstücksei. Ein einfaches, gekauftes Hühnerei. Die Schale ist dünn, der Dotter ist blaß, das Ei schmeckt nach nichts. Seit langem wünsche ich mir zum Frühstück ein Ei von freilaufenden Hühnern, Hühnern, die Würmer picken und Grünzeug fressen. Unter den alten Obstbäumen auf unserer großen Wiese, auf der Schafe weiden, müßten sich doch auch Hühner wohl fühlen, dachte ich ... Von deutscher Landidylle hatten wir, bei unserem langjährigen Aufenthalt in Afrika, so manches Mal geträumt.

Also planen wir, zurückgekehrt in unser Dorf in Schleswig-Holstein, neben dem alten Schafstall einen Hühnerstall. Er soll aus Holz sein und genausogroß wie dieser, zwei mal drei Meter. „Dafür brauchst du eine Genehmigung der Behörde“, sagt mein Freund, der Förster, „denn das sind mehr als zehn Kubikmeter umbauter Raum, nämlich zwölf.“

Die aus der Ferne so oft verklärte deutsche Ordnung hat ihren Preis. Mit Bauplan, Lageplan und Flurplan, jeweils in dreifacher Ausführung, gehen wir zum Bürgermeister, mit seiner Unterschrift auf dem Formular dann zum Gemeindeamt im nächsten Dorf. Wir entrichten eine Gebühr von 3,60 Mark, und unser Antrag wird vom Gemeindeamt zum Kreisamt befördert. Vier Wochen dauert es, dann haben wir endlich Nachricht, drei Seiten lang – es ist ein Ablehnungsbescheid! Kosten: 55 Mark. Später kommen noch 3,50 Mark Mahngebühr dazu – ich hatte vor Sprachlosigkeit das Zahlen vergessen.

Als Begründung für die Ablehnung wird uns mitgeteilt, das Bauvorhaben beeinträchtige öffentliche Belange und die natürliche Eigenart der Landschaft, es sei seiner Umgebung wesensfremd und trete als Fremdkörper in Erscheinung, es stehe in keinem Bezug zur vorhandenen Bodennutzung, und es werde deshalb weder von der Landschaft erfordert, noch passe es sich dieser an, es verunstalte das Ortsbild der Gemeinde und werde von einem für ästhetische Eindrücke offenen Betrachter als Fremdkörper empfunden.

Ich suche mir einen Anwalt und erhebe Einspruch. Es ist schon seltsam, denke ich, daß man einen Experten benötigt, um so einfache Dinge wie den Bau eines kleinen Hühnerstalls zu regeln. Mein Experte verlangt als erste Rate 400 Mark.

Natürlich hat der Landrat Wichtigeres zu tun, als sich um einen Hühnerstall zu kümmern. Dennoch trage ich ihm den Fall schriftlich vor. Vierzehn Tage später erhalte ich eine freundliche Antwort mit dem Hinweis, daß nach dem Bebauungsplan auf unserer Wiese keine Bautätigkeit erwünscht sei. (Eine kleine Anmerkung: Als ich vor fünfzehn Jahren das Grundstück teuer von der Gemeinde erwarb, war es Bauland. Während unserer Abwesenheit hat man es flugs zu Acker umgewidmet und Bürgermeisters Acker zu teurem Bauland.)