Daß Literatur sich als prophetische Vorahnung erweist, kommt vor, kann aber, wie in meinem Fall, zur Groteske werden. Während eines England-Aufenthaltes vor langer Zeit träumte ich, Erich Honecker sei verhaftet worden, was sich, wenn auch mit Verspätung, immerhin ereignet hat und mir möglicherweise den Ruf eines Hellsehers einbringen wird. Nach der Niederschrift des Traumes war klar, daß dieser Vorgang bei voller Namensnennung undruckbar wäre. Doch selbst noch die Abkürzung löste eine erstaunliche Unruhe bei der Zensur aus und außerdem die Zwangsvorstellung, es könne mein Traum Ausdruck eines kollektiven Wunschtraums sein oder werden. Zwar sind die Gedanken und somit auch die Träume frei, aber nur solange sie nicht in die Realität des gedruckten Wortes übergehen. Insofern arbeitet die Zensur prophylaktisch: Es darf gar nicht erst in Erscheinung treten, was Gefahren verursachen kann.

Noch der absurdeste Einfall, der merkwürdigste Traum gewinnt durch die Befürchtungen der Zensur ein Gewicht, das der Ursache nicht im mindesten entspricht. Vielleicht hätte ich vorsichtshalber damals in kalter englischer Winternacht vor Honeckers Verhaftung aufwachen sollen. Eigentlich hätte ich als Staatsbürger der DDR derlei gar nicht träumen dürfen. Zumindest aber hätte ich es nicht hinschreiben sollen, denn „Geschichten, die der Zensor versteht, werden zurecht verboten“, wie Karl Kraus behauptet.

Zugegeben: Die Zensur aller Zeiten war nicht nur ein Hindernis für die Publikationsabsichten eines Autors, sondern außerdem eine Herausforderung, sie zu überlisten oder zu unterlaufen, falls man sich nicht bereit fand, ihren Herrschaftsbereich zu verlassen. Wir kennen die zahllosen Anekdoten, in denen der Schwejkisch inspirierte Autor dem Zensor etwas unterschiebt, um über ihn scheinbar zu triumphieren. Ich muß gestehen, über dergleichen Sagen und Mären kann ich mich nicht amüsieren. Weil, was sie behaupten, einfach nicht stimmt.

Wo nämlich der Autor der Zensur ausgeliefert blieb, zwang ihn seine Lage zu Kompromissen. Solche Kompromisse waren keineswegs folgenlos. Der unter Zensur lebende Autor ist gezwungen, sich aus Überlebensgründen mit den ideologischen Grundlagen zu befassen. Er muß ja wissen, worauf es dem Zensor ankommt, was warum Anstoß erregen könnte, was erwartet wird und was abgelehnt.

Der Autor mußte der Zensur stets um eine Nasenlänge voraus sein und durch einen ideologischpolitischen Instinkt vorauswittern, was „ging“ und was nicht „ging“, womit er anecken würde und womit nicht. Das bedeutete, daß er selber sich in die ideologische Position des Zensors zu versetzen und mit dessen Augen seine eigenen Texte zu begutachten hatte. Noch weit im Vorfeld der Zensur, ja vor der Annahme des Manuskriptes durch einen Verlag wurde der Autor zu dieser seltsamen und trostlosen Mimesis veranlaßt: In die Rolle des Zensors schlüpfend, beurteilte er seine eigene Arbeit. Das jedoch hieß: Er hatte die subjektive Leistung eines Individuums nach scheinbar objektiven Maßstäben, welche der „wissenschaftliche Sozialismus“ bereitstellte, zu beurteilen. Eine prinzipielle Unmöglichkeit, da Literatur nicht durch Ideologie bewertet werden kann. Dieser geistige Salto mortale wurde für manche Autoren tatsächlich zu einem mortalen, mit dem intellektuellen Tod endenden Unterfangen.

Jahrzehntelange Gewöhnung an die Zensur führte dazu, daß der fremdgesteuerte Blick auf die eigene Produktion gar nicht mehr wahrgenommen wurde, so daß sich der Glaube unter Autoren auszubreiten begann, sie schrieben eigentlich frei und unbeeinflußt. Aber das war und ist ein tödlicher Irrtum. Erst recht die Autoren, die ganz bewußt gegen Zensur anschrieben, sind sich ihrer verderbenbringenden Muse nie bewußt geworden. Die kritischen Geister, die abweichlerischen Schriftsteller, die die Zensur als Herausforderung annahmen, sind ihrer alles durchdringenden Intoxikation nicht entgangen. Denn auch sie, oder vielleicht gerade sie, waren sich der Überwachsamkeit der „großen Schwester“ klar bewußt. Die Existenz der Zensur vermittelte den Betroffenen, die nicht den faulen Kompromiß suchten, ein sicheres Feindbild. Der unverschleierte Restriktionsapparat befand sich auf der anderen Seite der Frontlinie. Seine Tätigkeit versicherte einen des eigenen Standpunkts. Die sozialistische Welt war in sich übersichtlich und alternativ geschieden: in schwarz und weiß, mit einer relativ schmalen Grauzone dazwischen. Es konnte darum kaum Orientierungslosigkeit entstehen. Die Zensur, hier als Synonym für das ganze System benutzt, dessen Ausdruck sie gewesen ist, verwies jeden ungefragt auf seinen Platz und teilte ihm amtlich mit, wer er sei. Indem der Autor unter eine der beiden Kategorien sortiert wurde, erhielt er seine Identität – seine DDR-Identität.

Die Zensur, die logischerweise, um zu funktionieren, ästhetische Kriterien durch politische ersetzen muß, fördert dadurch spiegelbildlich auf der Seite ihrer Gegner eine Schwächung des Formwillens. So hält sich der Autor, dem es gelingt, an der Zensur vorbei oder über sie hinweg zu publizieren, aufgrund des politischen Echos auf beiden Frontseiten für einen genialen Verfasser. Und die Lächerlichkeit der Bekundung, seinen Status durch die Herstellung von „Weltliteratur“ gewonnen zu haben, kommt dem sich solchermaßen fehleinschätzenden Autor gar nicht mehr zu Bewußtsein – hat ihm doch der Zensor seine Bedeutung bescheinigt. In diesem Sinne gehört es zur Dialektik von Zensur und Zensierten, daß die ästhetische Blindheit der einen ein nachlassendes Formempfinden bei den anderen hervorruft. Und es ist nur wenigen Autoren der vergangenen DDR gelungen, sich diesem Wechselspiel zu entziehen, wobei ich sicher bin, daß es keiner zur Gänze geschafft hat. Wir sind uns ja immer nur der gröblichsten Einschränkungen bewußt geworden, doch welche verderblichen Spuren sie in unserem Denken, in unseren Vorstellungen, in unserer Phantasie hinterließen, ahnen wir nicht einmal. Was sich zu bedingten Reflexen auswächst, geschieht im Verborgenen der Psyche. Ich kenne das Syndrom des in der DDR Schreibenden nur zu gut, und ich erinnere mich, woraus es sich zusammensetzte: aus Angst, Verzweiflung, gehemmter Kühnheit, Zorn, Depression. Dem Moment des Schreibens fehlte alle Gelassenheit, diese wichtige Vorbedingung der Schaffenslust.