Von Jens Prüss

DÜSSELDORF. – Als sie beinahe alle Metropolen in Brand gesetzt hatten, zogen sie auf Rom zu, um den Papst zu töten. Nichts vermochte sie aufzuhalten. Mit Steinen, Eisenketten und Stöcken hatten sie ganze Heere geschlagen. Sie waren zu viele. Millionen von Erwachsenen knüpften sie an die wenigen noch gesunden Bäume.

Niemanden verschonten sie. Die feinen Bankiers nicht, die sie mit Schokolade bestechen wollten. Die Politiker nicht, die in Todesangst das Blaue vom Himmel versprachen. Und auch nicht die Latzbehosten, die solidarisch den Kaffee aus Nicaragua getrunken hatten.

Auf ein geheimes Signal hin waren sie losmarschiert: 142 Millionen Kinder, sechs bis vierzehn Jahre alt. Sie verließen die Steinbrüche, Bergwerke, Müllhalden und Bordelle, um endlich Bambule zu machen. Zu verlieren hatten sie nichts. Für fünfzig Pfennig Wochenlohn bekommst du nicht mal in Bombay was Vernünftiges.

Auf dem Kreuzzug verloren sie täglich 40 000 durch Hunger, Erschöpfung und Drogen. Alles Schöne zerschlugen sie. Es hätte ihnen ohnehin nie gehört. Als die ersten Panzer auftauchten, hechelten sie zur Betäubung ihrer Angst ein hochgiftiges Lösungsmittel in ihre Lungen und marschierten weiter. Die Tanks schossen riesige Schneisen. Aber was ist das schon, wenn ein Millionenheer sich fortwälzt. Die Kinder stürmten die Kampfmaschinen, rissen die Fahrer aus den Luken, erwürgten sie oder bissen ihnen die Halsschlagader durch.

Nun lag Rom vor ihner. Die italienische Polizei und die Schweizer Garde hatten sich längst in die Berge abgesetzt. Aus allen Himmelsrichtungen strömten die Kinder in die italienische Hauptstadt. „Nein!“ ruft Wojtyla, „nein! Nicht das Reliquiar für den Geiselstrick Christi!“ Aber da liegt der herrliche Bergkristallbecher aus dem Jahre 1380 schon in tausend Stücken am Boden.

Schweißgebadet wacht Johannes Paul II. aus seinem Alptraum auf. Das darf nie geschehen, murmelt er und ruft nach seinem Sekretär. Noch mitten in der Nacht diktiert er: „Das täglich schlimmer werdende Elend in den meisten Entwicklungsländern zeigt mit aller Deutlichkeit, daß das menschliche Defizit des Kapitalismus mit der daraus sich ergebenden Herrschaft der Dinge über die Menschen keineswegs überwunden ist.“ So entstand nach einer traumgeplagten Nacht die Enzyklika „Centesimus Annus“. Ob’s was helfen wird?