Während sich das Parlament im Reichstag polemisch routiniert stritt über die Steuergesetze und den Stellenwert, den die Debatte über eine neue Verfassung einmal gewinnen soll, ging es in den Wandelgängen um die Sache. Da ist so viel getuschelt, gemauschelt, gehandelt worden wie in den besten Zeiten einer lebendigen, wenn auch wenig intransparenten Demokratie. Objekt des Hasses und der Begierde: Berlin oder Bonn.

Das Brandenburger Tor im Blick, ging es um einen Kompromiß, um eine Konsenslösung in letzter Sekunde: sowohl als auch, Berlin und Bonn. Wie das aussehen soll? Berlin soll Parlamentssitz werden, Bonn Regierungssitz bleiben, so jedenfalls stellen es sich offenbar der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Dregger und andere mit ihm vor. Mit einem neuen Transrapid und einem Pendel-System zwischen Bonn und Berlin lassen sich aus dieser Sicht beide Städte blendend verkoppeln. Die Lobbyisten beider Städte schwirrten hin und her, mit hochroten Köpfen. Sieben Modelle wurden gehandelt, das Modell, das Dregger vorschwebt, gilt als Favorit. Und Helmut Kohl, tja, wie in Halle, munter mittendrin.

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Bis in die Medien pflanzt sich der Streit um die Eierwerferei in Halle fort. "Noch nie war mir der angeblich alles aussitzende Helmut Kohl so sympathisch wie in diesem Augenblick", bekannte Peter Boenisch in Bild – und das will etwas heißen, wenn man bedenkt, wie lange der Autor in der Nähe des Kanzlers gearbeitet hat. Boenischs Wut gilt einem Leitartikel der Süddeutschen Zeitung, weil dort 138 Zeilen – das hat er ausgezählt – für das Argument herhalten mußten, Kohl sei nicht belastungsfähig, also nicht regierungsfähig.

Lassen wir einmal den Satz beiseite, es sei "die alte Masche der deutschen Linksliberalen", das Opfer zum Täter zu machen. Interessant ist vielmehr die große Empörung. Man kann ja darüber streiten, ob Kohls "Körperlichkeit" in ihrer Massivität ein so ernstes Argument ist, wie es der Leitartikler der Süddeutschen gewichtet. Aber bedenkenswert ist, ob Kohl sich nicht deshalb so besonders heftig ins Handgemenge von Halle stürzte, weil er – enttäuscht – zu spüren bekommt, daß der Aufbau der Ex-DDR sich eben nicht so gestaltet wie die Wiederaufbaujahre der Nachkriegsrepublik, eine Erfahrungswelt, die ihn bis heute anleitet. Über diese These allerdings lohnte es sich zu streiten.

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"Wir blieben auf unseren Gefühlen sitzen ...", so bilanziert der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz in seinem Psychogramm der DDR das, was in den vierzig Jahren passiert sei. Die Freiheit zu fühlen sei unterdrückt worden. Das Ergebnis dieser gesellschaftlichen und politischen Verdrängung und Disziplinierung, dieses dauernden Aufrechterhaltens einer Fassade: Der Gefühlsstau. So lautet auch der Titel seines Buches. Nun kann man schlecht Parallelen zu Bonn ziehen. Aber bei der Lektüre drängt sich dennoch der Gedanke auf: Vielleicht läßt sich, die Bilder aus Halle auf dem Bildschirm noch einmal betrachtend, jetzt besser verstehen, was in Kohl vorging und was wirklich geschah? In Bonn treten Emotionen kaum zutage. Frei wogen sie nur, wenn es um Parteivorteile geht. Oder darum, Journalisten wieder einmal richtig die Meinung zu sagen.