Von Christoph Hein

Über alles, was sich lehren läßt, läßt sich reden. Was nicht gelehrt werden kann, entzieht sich dem Diskurs. Die Banalität dieser Wahrheit ist unumstritten, aber offensichtlich nicht oder schwer zu akzeptieren, und folglich wird über das, worüber man nichts sagen kann, am meisten geredet. Schlagen Sie ein beliebiges Journal auf: Dort, wo keine Aussagen zu formulieren sind, finden Sie Worte im Überfluß. Eine Folge der Impotenz: Die vergeblichen und peinigenden Versuche häufen sich, je unabweisbarer ihr Scheitern ist.

Der wissenschaftlichen Betrachtung fiel in den letzten Jahrtausenden fast das gesamte natürliche und menschliche Leben anheim. Zwei Bereiche haben sich den klaren und wissenschaftlichen Aussagen bislang entzogen: die Magie und die Kunst. Und trotz größter Bemühungen des Marktes – sei es das umfängliche Feuilleton der Tages- und Wochenblätter, seien es die Kurse für "kreatives Schreiben" oder jene fabelhaften magischen Glaskugeln – wir, die Käufer all dieser wunderverheißenden Artikel, die uns versprechen, unserer unangenehmen, störenden Impotenz abzuhelfen, wir wissen, es ist vergebliche Liebesmühe. Wir können allenfalls gediegen und umfänglich das notwendige Handwerk erlernen und das Diplom einer angesehenen Bildungseinrichtung erhalten oder die verblüffende Technik des Kartenlegens beherrschen. Und alles, was uns dann noch fehlt, ist eine winzige Kleinigkeit, die wir nicht einmal mit Worten klar zu beschreiben vermögen.

Und trotz dieser Unfähigkeit spüren wir dennoch sofort, wenn wir diesem uns unfaßbaren Phänomen begegnen. Ein Pinselstrich reicht aus, eine Folge weniger Töne, eine einzige Zeile, und wir sind berührt und wissen, hier ist etwas. Der Ungenauigkeit dieses Wissens oder unserer Empfindung versuchen wir mit eigenartig unklaren und veralteten Begriffen zu begegnen – Begabung, Talent, Genie –, aber diese Begriffe zeugen nur noch deutlicher von unserer Unbeholfenheit und der Ahnung, daß das Kunstwerk der erklärenden Worte völlig entbehren kann, sie sogar überflüssig und lächerlich macht.

Irene Dische legte ihren ersten Prosaband vor, und alle Welt – also Arno Schmidts berühmte dritte Wurzel der Population – konnte sehen, daß eine Schriftstellerin sich zu Wort meldete. Und dies ist, trotz aller Buchmessen, Verlagskataloge, Klappentexte und Feuilletons, ein singuläres Ereignis.

Mit diesem Satz "Hier meldete sich eine Schriftstellerin zu Wort" ist alles gesagt. Was uns zu tun übrigbleibt, ist uns zu Irene Dische zu gratulieren und gelegentlich unseren Buchhändler zu fragen, ob ein neues Buch von ihr angekündigt ist. Jedes weitere Wort ist überflüssige Interpretation, deren diese Prosa nicht bedarf. Dennoch – und auf die Gefahr hin, geschwätzig zu erscheinen – vier oder fünf Anmerkungen.

Irene Dische legte mit "Fromme Lügen" und "Der Doktor braucht ein Heim" ihr Debüt vor. Selten befindet man sich mit dieser Welt in einem größeren Einverständnis, als wenn man sich in seinem Urteil über diese Welt von dieser Welt bestätigt sieht. Das Debüt eines Schriftstellers – so meine These – ist nie das Debüt eines Anfängers. Er wird in der Folge seiner Arbeiten uns die verschiedensten Zeugnisse von Entwicklungen vorweisen, aber im Unterschied zum Handwerker und jenen Berufen, in denen Routine und Berufserfahrung hilfreich und förderlich sind, ist der debütierende Künstler kein Anfänger im Beruf. Er beginnt stets mit der vollen Kraft seiner Möglichkeiten, mit dem ganzen Reichtum seiner Ästhetik, mit dem ausgebildeten Kanon seiner Kunst, mit der Sicherheit des Meisters. Entwicklungen von "gut" zu "besser", von "einigermaßen" zu "vollendet" gibt es in den Künsten nicht. Ein Blick in die Geschichte belehrt uns über den bunten und gelegentlich kruden Reichtum von Entwicklungen, aber den Weg von einem nur mäßig begabten Anfänger zu einem Meister in seiner Kunst gibt es nicht. Das Debüt von Irene Dische ist daher nicht erstaunlich oder überraschend in seiner Qualität. Eine Autorin meldete sich zu Wort, die mit der ersten Zeile bewies, daß sie eine Schriftstellerin ist, eine Debütantin, gewiß, aber eben keine Anfängerin. Meine These, selten belegbar, wird von ihr glänzend bestätigt.