Der Filmklassiker „Rashomon“ des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa basiert auf einer scheinbar simplen Geschichte, die immer komplexer wird, je öfter die Perspektive wechselt. Nach einem Jahr in Israel fühle ich mich, als hätte ich die jüdische Version der „Rashomon“-Erzählung durchlebt.

In israelischen Supermärkten würden Kindheitsträume vom Paradies wahr, sagt einer der sowjetischen Immigranten; ein anderer beklagt sich über das apathische Verkaufspersonal. Er hätte niemals gedacht, daß die Israelis so freundlich sind, meint einer der Neuankömmlinge, während der nächste überall nur argwöhnische Gesichter sieht. Während der eine Einwanderer über das hohe intellektuelle und moralische Niveau im Lande erstaunt ist, findet ein anderer alles dekadent.

Fast alle sowjetischen Immigranten vergleichen Israel entweder mit dem harten Leben in der Sowjetunion oder mit dem leuchtenden Traumbild von Amerika – dem „Land ohne Probleme“ –, eine Vorstellung, die sie mit der gesamten Bevölkerung der Sowjetunion teilen, ganz gleich welcher Rasse und Relgion, welchen Geschlechts und welchen Alters. Keine der beiden Sichtweisen läßt sich als „zionistisch“ bezeichnen – aber es wäre ohnehin unzutreffend, die gegenwärtige Einwanderungswelle „zionistisch“ zu nennen.

Wer Israel mit sowjetischen Verhältnissen vergleicht, empfindet seine Einwanderung natürlich als einen Segen. Für ihn gibt es Gründe, fast alles im Land zu bewundern – angefangen bei den üppig gefüllten Regalen in den Supermärkten bis hin zum Anblick von uniformierten Frauen. Er ist gleichermaßen gerührt und begeistert von einer Patrouille der Grenzpolizei in den Straßen wie von einem ultra-orthodoxen, schwarzgekleideten Mann mit langen Schläfenlocken.

Schneller als ihm lieb ist, stellt dieser „dankbare“ Neuankömmling fest, daß Israel nicht das Paradies auf Erden ist, sondern verdorben durch Bürokratie, politische Skandale und zu viel Sozialismus. Diese Entdeckung, für manche schmerzhaft, ist zugleich befreiend für andere, die zuvor glaubten, die Existenz Israels sei zu schön, um wahr zu sein.

Wer in Israel nur einen vorübergehenden Ersatz für den Traum von Amerika sieht, findet sich bei allem, was ihm widerfährt, in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Wohnungen sind teuer, die Gehälter niedrig, die Steuern hoch – und erst die Preise! Die medizinische Versorgung ist unbezahlbar. Die Sprache hat ganz und gar nichts Europäisches. Die Straßen sind voller Müll. Die breite Masse hat nicht für fünf Pfennig Kultur – Israelis sind ungebildet, unzivilisiert und arrogant. Sie sind so provinziell wie das Land, in dem sie leben. Ringsherum wütet der Krieg, jeden zweiten Tag wird ein Mensch erstochen – wie kann man in so einem Staat leben?! Kurzum – das Land bildet einen erschreckenden Kontrast zu den makellosen Straßen New Yorks, in denen sich Intellektuelle tummeln und wo man bei Tag und Nacht sicher ist.

Aber die „Amerikaner“ werden ihre Meinung vielleicht auch ändern. Einige von ihnen werden feststellen, daß „Lebensqualität in einem höheren Sinne davon abhängt, wer man ist, und nicht davon, wo man lebt“ – wie mir einer meiner auf die USA fixierten Freunde bereits nach fünf Monaten in Israel erzählte. Einige werden erkennen, daß weder Steuern noch Krankenversicherungsbeiträge eine israelische Erfindung sind. Andere werden feststellen, daß die Menschen in den Straßen auch ganz anständige Züge haben. Und wieder andere werden entdecken, daß jüdisch zu sein mehr bedeutet als nur ein Hinweis in sowjetischen Personalausweisen. Erschüttert von diesen überraschenden Erkenntnissen, werden Mitglieder der sogenannten Transitgruppe versuchen, vor Ort ihre eigene Nische zu finden; einigen dürfte es gelingen.