Von Gabriele Venzky

Vor dreißig Jahren antwortete Indiens erster Premierminister, Jawaharlal Nehru, auf die Frage nach seinem Vermächtnis für Indien: "Ich hoffe, daß die 400 Millionen Menschen hier in der Lage sind, sich selbst zu regieren." Mittlerweile ist die Zahl der Inder auf 845 Millionen angewachsen.

Mit der Bevölkerung wuchsen auch die Probleme. Gewalttaten erschüttern das Land: Meist geht es um Kaste und Religion, um Sprache und ethnische Zugehörigkeit. Der Norden steht gegen den Süden, Hindus gegen Muslime, Stadt gegen Land, Oberkaste gegen Unterkaste, Englisch gegen Hindi. Drei Bürgerkriege toben auf dem Territorium, in Kaschmir, Punjab und Assam. Tausende von Menschen kommen jedes Jahr in diesen Konflikten ums Leben. Die Nation des Mahatma Gandhi, des Predigers der Gewaltlosigkeit, hat sich zu einer der gewalttätigsten der Welt entwickelt.

Auf diese Herausforderungen reagiert die Zentralregierung in Delhi hilflos. Trotz vereinzelter Wohlstandsinseln, in denen sich der Lebensstandard durchaus mit jenem in westlichen Industrieländern vergleichen läßt, fristet die Masse der Inder immer noch ein erbärmliches Dasein. Gewiß, niemand läuft mehr nackt herum, und kaum jemand verhungert noch in diesem Land. Aber die Hälfte der Bevölkerung vegetiert unterhalb der Armutsgrenze dahin. Die Zahl der Unterernährten steigt von Jahr zu Jahr. Da nimmt es sich wie blanker Hohn aus, daß ein Teil der stetig steigenden Getreideproduktion ins Ausland exportiert wird, zum Beispiel als Mastfutter für sowjetisches Vieh.

Das Wirtschaftswachstum, das Mitte der achtziger Jahre große Hoffnungen weckte, verlangsamt sich. Mit vier Prozent nähert es sich wieder der sogenannten Hindu-Wachstumsrate, die in den vier Jahrzehnten der Unabhängigkeit als unabänderlich gegolten hatte, während viele asiatische Länder den Durchbruch schafften. In Südkorea, das nach dem Zweiten Weltkrieg mit Indien gleichauf lag, ist das Pro-Kopf-Einkommen inzwischen mehr als zehnmal so hoch. Selbst China, mit einer noch größeren Bevölkerung, hat seinen Rivalen im Süden längst überflügelt.

Hinzu kommt: 77 Prozent der Chinesen können mittlerweile lesen und schreiben, aber nur 52 Prozent der Inder. In den ärmsten Bevölkerungsgruppen sind nahezu alle Frauen Analphabetinnen. Zwei von drei Kindern in Indien besuchen die Schule nicht länger als fünf Jahre.

Wirtschaftlicher Erfolg ist die Voraussetzung für politische Stabilität und den Aufstieg der Menschen aus unwürdigen Lebensverhältnissen. "Aber die Verantwortlichen haben hier so gewirtschaftet, daß unser Land ein zweites Burma zu werden droht", sagt Freddy Mehta, der wirtschaftspolitische Vordenker von Tata Industries, des größten Privatkonzerns in Indien. Andere Beobachter fürchten, daß das Land den Weg des bisherigen Vorbilds Sowjetunion gehen werde.