Der Krieg, so meinte Heraklit vor über zweitausend Jahren, sei der Vater aller Dinge. Der Satz war wohl immer ebenso falsch wie mißverständlich. Historisch falsch, weil die langfristige Entwicklung der Menschheit viel mehr von der Ausweitung des Handels als vom erobernden Schwert bestimmt wurde. Und mißverständlich, weil in Heraklits Satz eine den "unvermeidlichen" Krieg glorifizierende Propaganda auch immer wieder Nahrung für "erfrischende Stahlgewitter" finden konnte. Kriege allerdings sind tiefe Einschnitte im Leben der Völker. Und als solche bringen sie nicht nur Elend und Unglück, sondern fordern auch, an ihrem Ende, von der Politik einen neuen Anfang. Wie 1918 in Weimar. Und wie in Westdeutschland nach 1945.

Die Lage des wiedervereinigten Deutschland im Jahre 1991 zeichnet sich dadurch aus, daß wir zwar jetzt wieder das Ende eines Krieges erleben, aber irrtümlich glauben, unseren neuen Anfang schon vor fast einem halben Jahrhundert gemacht zu haben. Doch erst das Ende des Krieges 1990 traf das ganze Deutschland – wenn auch mit einer Verzögerung von fast fünfzig Jahren. Und es traf uns mit der nur scheinbar sanften Bewegung einer friedlichen Revolution. So erlebte die alte Bundesrepublik den Umbruch mehr als Schauspiel denn als die politische Umwälzung, die er ist.

Daß 1990 in Deutschland und Europa ein großer Krieg zu Ende gegangen ist, ein tiefer politischer Einschnitt vollzogen wurde, ein ökonomischer Umbruch erfolgte und eine weitreichende Veränderung aller außenpolitischen Dimensionen eingetreten ist: Das haben wir bis heute nicht wirklich begriffen. Jedenfalls denken, arbeiten und leben wir noch immer so, als sei nicht – und zwar mit der Wucht eines Kriegsendes – Deutschland wiedererstanden in der Mitte Europas und Osteuropa zurückgekehrt, sondern als habe eher die alte Bundesrepublik einige Quadratkilometer Grenzstreifen zurückgekauft und als hätten, wieder einmal, in einigen osteuropäischen Hauptstädten nur die Regierungen gewechselt.

So kommt es, daß nicht nur die Berlin-Frage in Kleingeld bemessen wird, sondern Themen die innenpolitische Szene beherrschen, die auch schon vor 1990 unsere danach oft sterile politische Debatte dominierten. Die Frage, zum Beispiel, wie wir mit der Abtreibung umgehen wollen; ob die Pflegefinanzierung über Steuern oder über ein Versicherungssystem erfolgen solle; wie die Telephongebühren zwischen Grundgebühr und Kosteneinheit zu verteilen seien. Und, zuletzt, ob die einstmals in Kreuth beschlossene Scheidung der CSU von der CDU erneut vor Gericht gebracht werden solle oder nicht.

Das alles sind unbestreitbar wichtige Fragen – aber wer wollte behaupten, sie seien jetzt, da ein neuer Anfang nach einem langen Ende gesetzt werden muß, wirklich die Fragen, auf die wir dringlich Antworten finden müssen.

Sicherlich, wir befassen uns auch – notgedrungen – mit den schwerwiegenden ökonomischen Folgen der Einheit, insbesondere der Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland. Aber wir tun dies vornehmlich, indem wir über Geld reden und uns vor sozialen Unruhen im Gefolge der Arbeitslosigkeit fürchten. Wir tun dies nicht mit einer inneren Vorstellung von Deutschlands zukünftiger Gestalt und Aufgabe.

Die deutsche Einheit und die demokratische Öffnung Osteuropas sind aber nicht nur vorübergehende Störungen des Status quo in Westdeutschland und Westeuropa, sondern etwas ganz Neues: Das ganze Deutschland und das ganze Europa, sie sind beide wirklich mehr als die Summe ihrer bisherigen Teile. Als Chance und als Risiko – also als Aufgabe.