Immer wieder erheben sich Klagestimmen über die unerhörte Ausbeutung unerfahrener deutscher Mädchen, die auf das Ausschreiben von Londoner Agenten in deutschen Blättern hin ein Engagement abschließen, um sich dann bei ihrer Ankunft aufs schlimmste enttäuscht und schutzlos in der Riesenstadt zu finden. Entweder war es nur auf Erpressung einer schwindelhaft hohen Gebühr abgesehen, nach deren Zahlung das Mädchen in eine entlegene Vorstadt geschickt wird, um dort von einem Spießgesellen die geringschätzige Auskunft zu erhalten: „Ich habe mit dem Agenten ausgemacht, daß ich die Person, welche er schickt, zurückweisen kann, wenn sie mir nicht gefällt. Sie gefallen mir nicht und können morgen früh wieder gehen.“ Oder aber die Stelle ist echt, eine von denen, welche die fetteste Weide für die Agenten abgeben, wo eine armselige, rohe und gefühllose „Herrschaft“ das arme Mädchen mit Arbeit überlastet, ihr Magddienste zumuthet und sie dabei noch hungern läßt. Nach einigen Wochen verzweiflungsvollen Kampfes muß sie doch ablassen – und der Agent hat die Stelle aufs neue zu besetzen.

Es sind schlimme Schilderungen, die uns in durchaus zuverlässigen Berichten von Mädchen vorliegen: Ausnutzung durch anstrengende Handarbeit nach vielen Lehrstunden, Hungermahlzeiten, großentheils in trockenem Brot und etwas gekochtem Fleisch bestehend. Auch die schlechtbezahlten Stellen in kleinen Privatschulen mögen oft arg genug sein: in einer hatten drei Lehrerinnen zusammen ein Zimmer, einen Waschapparat und ein Handtuch! Thee und Butterbrot um fünf Uhr war die letzte Mahlzeit am Tage, während der Unterricht bis tief in den Abend fortging. Das ist das Schicksal von vielen, welche ohne tüchtige Kenntnisse sich aufmachen, um in England Gouvernanten zu werden!

Aber es wäre weit gefehlt, wollten wir solche Fälle als allgemeine Regel ansehen. Eine große Anzahl tüchtig geschulter und fähiger Erzieherinnen hat es nicht nöthig, ähnliche Klagen zu führen. Sie fühlen sich umgeben von der Achtung, die der Engländer tatsächlich jedem taktvollen und sicheren Benehmen zollt, sie benutzen die vielberufenen Abendstunden, wo die Familie sehr begreiflicherweise unter sich allein sein will, zu der so notwendigen geistigen Weiterbildung und erleben es oft genug, daß gerade infolge ihrer eigenen ruhigen Zurückhaltung ihr Verhältnis zum Hause mit der Zeit ein wirklich freundschaftliches wird.

Eine Bühne unter Wasser

Das Wiener Karlstheater führte kürzlich ein englisches Stück auf, „Ein dunkles Geheimniß“, in welchem ganz neue theatralische Wirkungen zur Geltung kamen. Ein Ingenieur aus England hatte ein großes Wasserreservoir in die Versenkung des Theaters gebaut und eine Schwimmkünstlerin aus Amerika hatte die wichtigste Rolle durchzuführen. In dem Stück wird ein junges Mädchen, eine reiche Erbin, von ihren Verwandten nachts an die Themse geschleppt und trotz erbitterten Kampfes und lauter Hilferufe ins Wasser geworfen. Sie schwimmt zu der Stelle zurück, wo ihre Mörder stehen, jammert und klagt, doch sie wird in die Fluth zurückgeschleudert. Da kommt ihr Bräutigam des Wegs und rettet sie. Es spielen außerdem in dem Stück noch zwei vollendete Morde und zehn Mordversuche. Nach dem schrecklichen Nachtbild aber folgt ein Bild des Friedens: eine Regatta auf dem wirklichen Wasser. Mehr Lebenswahrheit können doch die Apostel der jüngsten Richtung nicht vom Theater verlangen. Schiller freilich singt:

„Doch siegt Natur, so muß die Kunst entweichen!“