Von Hanno Kühnert

Allmendingen/Ulm

Im schwäbischen Allmendingen nahe Ulm werkelt Rainer Gottlieb Feucht, einer der wenigen europäischen Erotika-Buchhändler. In einer alten Schule im ersten Stock betreibt er ein Antiquariat und einen Buchladen. Feucht firmiert als "Buchhandlung, Antiquariat und Galerie, Verlag der Melusine, Septemberverlag" und sammelt alte Bücher über Sittengeschichte und Liebesthemen, und er handelt mit ihnen.

Seit anderthalb Jahrzehnten gibt der gelernte Antiquar reichhaltige Kataloge heraus: "Erotica, Sittengeschichte, Sexualwissenschaft, Erotische Graphik, Homosexualität" steht darauf und als Motto: "Bibliotheca magica, curiosa et folcloristica". Die Buchverzeichnisse sind bei Kennern, Buchhändlern und auch bei Sexualwissenschaftlern begehrt, bergen sie doch jeweils Tausende von Titeln vergriffener oder verschollener Bücher, die wegen des jahrhundertelangen Tabus und der Verfolgung solcher Bücher durch den Staat nur in kleinen Auflagen gedruckt worden waren.

Der Buchhändler konnte seiner bibliophilen Tätigkeit um so fröhlicher nachgehen, als im vergangenen Jahr der Bannstrahl des Staates gegen Erotika und höhere Pornographie erlosch. Zwei Gerichte, der Bundesgerichtshof (BGH) und das Bundesverfassungsgericht (BVG), hatten mehrfach als Pornographie, Schweinkram, Unzucht gewertete Bücher freigesprochen und sie unter den Kunst-Vorbehalt der Verfassung gestellt.

Zuerst hatte der BGH das "Opus Pistorum" vom Vorwurf befreit, nur Pornographie und nicht Kunst zu sein. Gleichzeitig hatte das höchste Strafgericht festgestellt, Pornographie und Kunst schlössen einander nicht aus, und damit ein uraltes Juristenkonstrukt zum Einsturz gebracht. Es wurde Abwägung im Einzelfall verlangt.

Fünf Monate nach dem BGH-Urteil hatte das BVG, das höchste Gericht, nach langem Rechtsstreit die berühmte "Josefine Mutzenbacher, die Lebensgeschichte einer wienerischen. Dirne", mit ähnlichen Erwägungen liberalisiert: Es hatte die Indizierung der Bundesprüfstelle und mehrere Gerichtsurteile gegen das Buch (und seinen Verlag) aufgehoben und ebenfalls Abwägung mit dem starken Grundrecht auf Kunstfreiheit angeordnet. Beide Gerichte hatten damit der jahrhundertealten Verfolgung von erotischen Schriften ein Ende gemacht.