Von Elsbeth Wolffheim

Am Apparat der Genosse Stalin persönlich: „Was ist, haben Sie genug von uns?“ Am anderen Ende der Leitung der völlig überrumpelte Michail Bulgakow. 18. April 1930: Drei Wochen zuvor hat der Schriftsteller in einem Brief „An die Regierung der UdSSR“ die Kampagnen gegen sich von Seiten der Presse, der Theater und der Literaturfunktionäre säuberlich aufgelistet und dabei kein Blatt vor den Mund genommen.

Ihm blieb keine andere Wahl: Keines seiner Stücke wurde zu diesem Zeitpunkt auf einer sowjetischen Bühne präsentiert, sein Roman „Die weiße Garde“ war nur zu drei Vierteln gedruckt und dann aus dem Verkehr gezogen worden. Fazit des Publikationsverbots, und das sprach Bulgakow unumwunden aus: „Ich bin vernichtet.“ Deshalb seine Bitte an den Generalsekretär, „mir zu befehlen, umgehend die Grenzen der UdSSR zu verlassen“, oder „mich zum Hilfsregisseur am Künstlertheater zu ernennen“.

Solch einen Brief hatte der Allgewaltige noch nicht bekommen. Man kann nur rätseln, was ihn bewog, Bulgakow zum Bleiben zu überreden. Offenbar wollte er kurz nach dem Freitod Majakowskijs und nach dem Exodus so vieler talentierter Schriftsteller diesen nicht auch an die Emigration verlieren. Genug, er versprach ihm die Stelle am Künstlertheater. Bulgakow blieb.

Willfährig indes hat ihn diese Wendung seines Schicksals nicht gemacht, allenfalls vor dem Hungertod bewahrt. Was er in dem Brief kühn beteuert hatte, daß er nämlich nie „ein kommunistisches Stück“ schreiben werde, das hielt er auch ein: Keine Katzbuckelei vor nichts und niemand sollte sein Werk verschandeln. Diese Unbeirrbarkeit hat Stalin vermutlich beeindruckt. Doch auf Dauer konnte Bulgakow darauf nicht bauen, hatten doch gerade die Jahre zuvor ihm gezeigt, daß mit den kommunistischen Mächten kein ewger Bund zu flechten war.

Sein ganz und gar nicht „kommunistisches“ Stück „Die Tage der Turbins“ (eine Dramatisierung der „Weißen Garde“) war am 5. Oktober 1926 am Moskauer Künstlertheater uraufgeführt worden. Fünfzehnmal hat der Diktator es sich angesehen, doch plötzlich-, ein halbes Jahr nach der Premiere, ließ er es verbieten. Und mit dem einen verschwanden auch andere Stücke Bulgakows von den Spielplänen. Das glänzende Debüt, das der damals fünfunddreißigjährige Autor mit den über dreihundert Aufführungen seines Bilderbogens aus dem Bürgerkrieg erlebt hatte, war nur ein einziger Schwalbenflug.

Nichts ist gewisser als die Willkür. Wieso zum Beispiel hat Stalin zunächst an diesem Stück, das – so Bulgakow – „leidenschaftslos über den Roten und den Weißen“ steht, einen Narren gefressen? In einem Brief ans Künstlertheater gesteht er, ihm habe imponiert, daß die Weißen hier keineswegs als feige Banditen gezeigt wurden. Desto größer sei daher der Triumph der siegreichen Arbeiterklasse. Wunschdenken? Wie auch immer: Die Rolle, die Stalin in Bulgakows Leben spielte, ist undurchsichtig und schillernd. Noch 1936 soll er geäußert haben: „Wieso haben sie schon wieder ein Bulgakow-Stück abgesetzt? Schade, ein begabter Autor!“ So ging es auf und ab, mal den Daumen nach unten, mal nach oben. Die Eminenz gefiel sich im Katz-und-Maus-Spiel.