Wessis raus!“ ist in weißer Farbe ans Gebäude des Bahnhofs Griebnitzsee gemalt, eines Bahnhofs südwestlich von Berlin, gleich hinter dem Sandstreifen, auf dem früher die Grenze zwischen West-Berlin und der DDR verlief. Die Aufforderung steht auch an Wänden, auf Wartehäuschen für Bus und Straßenbahn. An der Bahnunterführung wurde er ein bißchen variiert: „Wessis haut ab!“

Im Potsdamer Villenvorort Babelsberg (zu dem der Bahnhof Griebnitzsee gehört) sind besonders viele Häuser in West-Besitz. Die ehemaligen Eigentümer teilen den jetzigen Bewohnern ihren Anspruch durch ihre Anwälte mit. Oder sie kommen und lassen Dachböden, Keller und Garagen räumen, kündigen Umbau und höhere Mieten an.

In einem Vorort im Norden Berlins, auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, hat jemand an die Wand gesprüht: „Ossis raus“. „Ist doch klar“, erklärt eine Potsdamerin, „hier ist zwar alles furchtbar runtergekommen, aber da ließe sich schon was draus machen. Nur wir Menschen, wir Ossis stören. Wir ticken so ganz anders als die aus dem Westen, wir lassen uns nicht einfach sanieren und restaurieren wie Häuser oder Landschaft. Und deshalb sprüht eben so ein ungeduldiger Wessi ‚Ossis raus‘ an die Wand.“

Ossis und Wessis leben in Berlin und Umgebung dicht zusammen. Aber dort, wo Straßen und Stadtteile inzwischen zusammenwachsen, scheinen die Menschen sich eher voneinander zu entfernen, wächst eine neue Mauer aus Verständnislosigkeit, Enttäuschung und Aggression. Die Westberliner stehen im Stau, und ihre Wut richtet sich gegen die Ostdeutschen: „Die können doch alle nicht richtig Auto fahren!“ Und wenn sie keinen Parkplatz am Kaufhaus finden, Schlange stehen müssen in Läden für Bauzubehör und in Supermärkten, schimpfen sie laut und vernehmlich: „Die sollten lieber zu Hause bleiben und lernen, wie man anständig arbeitet!“

Der Ostdeutsche, der solchen Spruch hört und vielleicht arbeitslos oder gerade in Kurzarbeit geschickt worden ist, schluckt und sagt nichts. Erst zu Hause, im Kreise von Freunden schimpft er. Die aus Cottbus oder Anklam ins westliche Berlin fahren, weil sie glauben, daß hier das Angebot immer noch größer, die Preise immer noch günstiger sind als zu Hause, packt allmählich die Wut, und sie geben den Westdeutschen die Schuld, daß ein Betrieb nach dem andern eingeht: „Wären ja auch blöde, wenn sie uns als Konkurrenz bestehenlassen würden.“

Die junge Ostberlinerin, die monatelang in Kurzarbeit war, bis der Betrieb drei Viertel der Belegschaft entlassen hatte und für das restliche Viertel vorübergehend wieder genug Arbeit da war, schimpft, daß sie nun wieder in Kurzarbeit gehe, und gibt diesmal die Schuld dem Westberliner Konkurrenzunternehmen, das ihnen alle Aufträge wegschnappe. Die Arbeit der Ostdeutschen sei eben nichts wert. Ihre Produkte seien höchstens mit westlichem Qualitätssiegel akzeptabel, wie eine Anzeige aus einer Westberliner Zeitung beweise: „Schweriner Markenbutter, ungesalzene, mildgesäuerte Butter mit amtlicher Qualitätskontrolle des Landes Schleswig-Holstein, 250 g für 1.79“.

In Potsdam gibt es ein Restaurant, das nobel restauriert wurde. „Zu unserer Zeit war es ein HO-Restaurant“, sagt eine Potsdamerin – sie sagt „zu unserer Zeit“ und meint vermutlich: „Jetzt ist es nicht mehr unsere, jetzt ist es eure Zeit.“