Von Rudolf Augstein

Ich kenne keinen Juristen, der bessere Artikel zu schreiben versteht als Gerd Bucerius, keinen, der sprunghafter und großzügiger wäre, kleinlicher und – nein, kleinlich war er nur im Skurrilen.

Ich habe wohl an die fünf Jahre insgesamt gegen ihn prozessiert, im größeren Prozeß erfolglos, im kleineren erfolgreich. Am Ende erging jeweils ein gerechtes Urteil. Das hinderte Gerd Bucerius aber nicht, mir, dem fast zwanzig Jahre Jüngeren, Freundschaft zu bezeigen und Hilfe zu gewähren, wenn ich sie am nötigsten brauchte – während der Spiegel- Affäre etwa oder als der Financier Goldsmith uns unterstellte, östliche Agenten hätten unsere Berichterstattung über Franz Josef Strauß beeinflußt.

Am Spiegel war Gerd Bucerius beteiligt, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich war an der ZEIT beteiligt, ebenfalls nur für kurze Zeit. Ein gütiges Geschick hat es verhindert, daß unsere Zusammenarbeit länger währte.

Privat sind wir immer gut miteinander ausgekommen. Zweimal mußte ich bei ihm sogar den Hausherrn spielen. Das passierte, als er den italienischen Rußlandkenner und Diplomaten Pietro Quaroni eingeladen hatte und lesend, aber sehr, sehr krank im Bett lag. Da Quaroni fließend Deutsch sprach, war das eine leichte Aufgabe.

Als ich neulich den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Václav Havel besuchte, begrüßte er mich mit den Worten: „Wir kennen uns von Bucerius“ – und mir fiel wieder ein, daß Bucerius damals fast zusammengebrochen ist, weil, wie er es nannte, „Streit im eigenen Lager“ ausgebrochen war. Das muß nun zwanzig Jahre her sein.

Ohne Gerd Bucerius gäbe es vermutlich die ZEIT, so wie sie heute ist, nicht, wie es den Spiegel, so wie er heute ist, ohne mich wohl nicht gäbe. Ich hatte „Buc“, als ich noch Mitbesitzer war, versprochen, die Auflage der ZEIT auf 150 000 zu steigern. Das war 1961. Inzwischen hat er sie auf eine Auflage von über 500 000 gebracht.