Sieben Tage auf dem Schiff von Dresden nach Hamburg – eine Flußwandererphantasie

Von Benjamin Henrichs

I.

An einem Samstagmorgen im April, gegen neun Uhr in der Frühe, besteigt Herr H., der Held unserer kleinen Geschichte, frohgemut den Schnellzug von Hamburg nach Dresden. Gestern, Freitag, hatte H. (64 Jahre alt, Kulturredakteur) seinen allerletzten Arbeitstag – den definitiven Abschied von den Kollegen, die ihm in der letzten Zeit doch ein wenig langweilig geworden waren (und wohl auch umgekehrt), in tadelloser Haltung und ohne unangemessene Gefühlsausbrüche hinter sich gebracht.

Heute also beginnt für Herrn H. der wahrlich wohlverdiente vorzeitige Ruhestand. Etwas romantischer gesagt: Heute ist der erste Tag der Freiheit! Und wie könnte man die neugewonnene Freiheit sinnvoller feiern als mit einer Reise? Einer Reise zu Wasser, einer Reise zu Schiff!

Viele hundert Kilometer flußaufwärts, in Dresden, zu Füßen der berühmten Brühischen Terrasse, liegt dieses Schiff bereits vor Anker. Schon sein Name verspricht Abenteuer und Frohsinn in ausgewogener Mischung: MS Calypso. In einer Reise von sieben Tagen wird es Herrn H. flußabwärts in seine Heimatstadt zurücktragen. Deshalb also besteigt H. jetzt, zu beinahe noch nachtschlafender Zeit, mit unmerklich zitternden Knien, den schnellen Zug, der ihn zum langsamen Schiff bringen soll.

Wie unvergeßlich gelingt schon dieses Vorspiel! Der Zug (wahrscheinlich der langsamste Schnellzug der westlichen Welt) ist beinahe menschenleer. Im Mitropa-Speisewagen, der exakt aussieht wie ein rollendes Mitropa-Museum (mit seinen riesigen, nierenförmigen Spiegeln, mit seiner auf die Zugfenster gepappten rotgelben Jalousien-Imitation) bedient ein sehr freundlicher, sehr schwermütiger sächsischer Oberkellner die beinahe nicht vorhandenen Mitropa-Gäste. Zur Mittagszeit geht seine ebenfalls sehr freundliche Assistentin durch den verlassenen Zug und bietet Platzkarten fürs Mittagessen an.