Von Klaus Pokatzky

Das Ende seiner Reise kreuz und quer durch Hitler-Deutschland kam für Maurice Bavaud in Gestalt des Zugschaffners Egg am Abend des 12. November 1938 im Schnellzug von Wien nach Paris auf der Strecke zwischen München und Augsburg. Er habe seine Fahrkarte verloren, behauptete der zweiundzwanzigjährige Schweizer; nein, Geld für eine neue habe er nicht. Er hatte noch 1,52 Reichsmark in der Tasche, wie die Geheime Staatspolizei später akribisch vermerkte – ihr wurde er in Augsburg übergeben, weil er ein nichtdeutscher Schwarzfahrer war.

Er hatte aber – neben seinem Reisepaß, dem Impfschein und einer ungültigen Fahrkarte von Bischofswiesen nach Freilassing – noch etliche andere Gegenstände in den Taschen, die das Mißtrauen der Gestapo-Beamten wecken mußten: eine Pistole Marke Schmeißer, Kaliber 6,35 mm, geladen mit sechs Patronen, einen Briefumschlag mit der Aufschrift "Monsieur le chancelier Adolf Hitler (aux bons soins de M. M. Bavaud)", darin ein leeres Blatt Papier, einen weiteren Umschlag mit französischen Zeilen, angeblich von Pierre Taittinger, dem Gründer der rechtsradikalen Jeunesses patriotes, gerichtet an den Führer des deutschen Volkes und seiner Gestapo-Beamten. Einen Zettel auf französisch, dessen deutsche Übersetzung lautete: "Dieser Mann steht unter meinem unmittelbaren Schutz und hat nichts getan, was nicht meinen Befehlen gemäß wäre." Unterschrieben mit drei ineinander verschlungenen Buchstaben, aus denen die Verhörer ein A, ein H und ein B lasen. Sein eigenes Paßbild und schließlich noch das Photo eines anderen jungen Mannes, diesmal mit einer Widmung in lateinischer Sprache auf der Rückseite: "Credo in stellam tuam / Sumus unum corpus unum cor una anima / ubicumque et Semper" – Ich glaube an Deinen Stern / Wir sind ein Körper, ein Herz, eine Seele / überall und immer.

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Zwei Jahre später wird er, längst zum Tode verurteilt, aus seiner Zelle in Berlin-Plötzensee an den tausend Kilometer entfernten Vater im westschweizerischen Neuchâtel schreiben, daß ihn friere und er doch gern ein paar Pantoffeln hätte für die klammen Füße. Der Vater wird auf das Berner Außenministerium vertrauen, das Eidgenössische Politische Departement (EDP). Und dessen Beamte werden auf ihren Botschafter in Berlin vertrauen, den Gesandten Hans Frölicher, dessen prunkvoller Amtssitz im Tiergarten ziemlich genau sechs Kilometer Luftlinie von der Todeszelle des frierenden Landsmannes entfernt liegt: ob dieser dem Maurice Bavaud nicht "zwei Paar gebrauchte warme Hausschuhe zusenden lassen könnte". Frölicher wird dann seinen Berner Vorgesetzten ganz undiplomatisch deutlich antworten: "Keinesfalls scheint es mir aber angesichts der Gründe, aus denen Bavaud verurteilt wurde, angebracht, dass die Gesandtschaft sich noch mit der Vermittlung von Bekleidungsgegenständen an den Genannten befaßt."

Und noch später – man kann das heute im schweizerischen Bundesarchiv zu Bern in den Originalen nachlesen – werden gleich drei Beamte, in zwei Sprachen, in Randbemerkungen an Frölichers Brief der Nachwelt ihre Meinung zum Gesandten hinterlassen. "Unglaubliche Einstellung", wird der eine schreiben, "Heil Hitler!" der andere, und der dritte meint:"Inhumain!"

Bavaud hatte versucht, Adolf Hitler zu erschießen. Wie, das kann man nachvollziehen. Warum, kann man nur spekulieren. Sein Kopf fiel am 14. Mai 1941 im Hinrichtungsschuppen von Plötzensee, 31 Monate nach seiner Festnahme, davon 18 Monate in der Todeszelle – ohne jeden Besuch von Angehörigen oder auch nur eines Mitarbeiters der schweizerischen Gesandtschaft.